Stell Dir vor, jemand hätte vor dreißig Jahren die Pausetaste gedrückt und dann den Raum verlassen. Genau so fühlt sich die Ankunft in Gherdeal (deutsch: Gürteln) an. Wenn Du von der Hauptstraße abbiegst und Dich über den staubigen, unbefestigten Weg dem Dorf näherst, lässt Du die Hektik des 21. Jahrhunderts augenblicklich hinter Dir.
Zum ersten Mal war ich im September 2016 in Gürteln. Im Monat zuvor habe ich mir nebenan in Cincu (Großschenk) ein Haus gekauft und war einerseits dabei, die Umgebung kennen zu lernen, andererseits war ich auf der Suche nach historischen Baustoffen, um mein Haus zu renovieren.
Ich komme immer mal wieder dorthin, der Ort zieht mich magisch an. Ob nun alleine, mit Elisabeth oder meiner Freundin Laura, ein Besuch lässt immer wieder neues entdecken und schärft die Augen für Details.
Gherdeal ist kein Freilichtmuseum, in dem alles poliert und für Touristen zurechtgemacht ist. Es ist raw. Es ist echt. Es ist ein Ort der melancholischen Schönheit, der im Herzen von Siebenbürgen leise vor sich hin atmet.
In einem alten Reiseführer meiner Sammlung („Komm mit…“) habe ich gelesen, dass man in Gürteln die reinste Luft in ganz Rumänien atmen kann. Heute kann ich mir das gut vorstellen – ich habe die Zeit vor der Revolution nicht erlebt, aber es gibt tatsächlich kaum Industrie im weiten Umfeld.
Das Gherdeal von heute: Ein Dorf im Dornröschenschlaf
Heute leben nur noch eine Handvoll Menschen hier. Die Statistik schwankt, mal sind es zwölf, mal weniger. Wenn Du durch die ungepflasterten Gassen läufst, hörst Du vor allem eines: Nichts. Vielleicht das Summen von Insekten im hohen Gras, das Bellen eines Hofhundes in der Ferne oder das Knarren eines alten Tores im Wind.
Die Häuserzeilen, einst stolz und bunt, zeigen heute die Narben der Zeit. Der Putz bröckelt und offenbart das Ziegelwerk, Dächer haben sich unter der Last der Jahre geneigt. Doch genau darin liegt der Reiz für uns Besucher. Es ist eine Architektur, die Dich zwingt, langsam zu gehen, genau hinzusehen und die Geschichten zu spüren, die in den Mauern stecken.
Meine Bitte an Dich: Respektvoll reisen
Gherdeal ist zwar sehr still, aber nicht menschenleer. Die wenigen verbliebenen Bewohner (oft Roma-Familien oder vereinzelte Rückkehrer) sind an Besucher gewöhnt, aber es gebietet der Anstand, nicht einfach ungefragt private Höfe zu betreten. Ein freundliches „Bună ziua“ (Guten Tag) öffnet oft Türen – und manchmal sogar die zum Kirchenschlüssel.
Ein Lichtblick: Casa la Tei
Doch nicht alles ist dem Verfall geweiht. Es gibt zarte Pflänzchen der Hoffnung. Ein wunderbares Beispiel ist die Casa la Tei. Hier wurde ein altes Anwesen mit Geduld und Respekt vor der historischen Substanz Zum Gasthof/Pension.
Das Haus zeigt eindrucksvoll, wie Gherdeal aussehen könnte, wenn man das Erbe bewahrt, auch wenn deutlich neue Aspekte eingeflossen sind. Bitte beachte: Die Casa la Tei ist ein privates Projekt und Rückzugsort. Wenn das Tor offen steht, dann frage nach, ob Du eintreten darfst. Mit ein Wenig Glück kannst Du eine Pause mit einen Kaffee oder eine Limonada und einer Kleinigkeit zum Essen versüßen.
Die stillen Zeugen: Kirchenburg und Alte Schule
Nichts prägt die Silhouette von Gürteln so sehr wie die Wehrkirche (Kirchenburg). Sie steht massiv und trotzig auf ihrem Hügel, auch wenn der Zahn der Zeit an ihr nagt. Anders als in den touristischen Hotspots ist hier oft kein Eintrittskassierer. Die Kirchenburg ist der Anker des Dorfes – ein Symbol für die Wehrhaftigkeit und den Glauben der einstigen Gemeinschaft.
Direkt daneben, oft übersehen, aber tief berührend: Die Alte Schule. Ein Ort, an dem Generationen von sächsischen Kindern Lesen und Schreiben lernten. Heute stehen die Räume leer, aber die Architektur lässt noch immer die Ordnung und Bedeutung erahnen, die Bildung hier einst hatte. Es wird immer mal wieder daran gebaut, so einen richtigen ‚roten Faden‘ kann ich aber nicht erkennen.
Ein Blick zurück: Wie Gürteln wurde, was es war
Um die heutige Stille zu verstehen, müssen wir die Lautstärke der Vergangenheit aufdrehen. Gherdeal wurde – wie viele Dörfer im Schenker Stuhl – im 13. Jahrhundert von den Siebenbürger Sachsen gegründet. Der deutsche Name „Gürteln“ taucht erstmals urkundlich um 1332 auf.
Jahrhundertelang war dies ein blühendes Bauerndorf. Die Menschen lebten von der Landwirtschaft, vom Handwerk und der Gemeinschaft. Man lebte autark, pflegte Brauchtum und Sprache. Es war ein hartes, aber geordnetes Leben.
Der große Exodus
Der Bruch kam nicht schleichend, er kam gewaltig. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den entbehrungsreichen Jahren unter der kommunistischen Diktatur sehnten sich die meisten Sachsen nach Freiheit. Mit der Revolution 1989 und der Öffnung der Grenzen geschah das Unausweichliche: Der große Exodus.
Innerhalb weniger Monate und Jahre verließen fast alle sächsischen Einwohner Gürteln in Richtung Deutschland. Sie ließen nicht nur ihre Heimat zurück, sondern oft auch ihre Möbel, ihre Werkzeuge und ihre Häuser. Ganze Straßenzüge standen plötzlich leer.
Für wen ist Gherdeal das richtige Ziel?
Für Fotografen
Als Fotograf kann ich Dir sagen: Gherdeal ist ein Paradies für Texturen und Lichtstimmung. Pack unbedingt das Weitwinkel für die Kirchenburg ein, um ihre Mächtigkeit einzufangen. Für die Details an der Alten Schule oder den Häuserfassaden empfehle ich eine lichtstarke Festbrennweite (35mm oder 50mm).
- Golden Hour: Das warme Abendlicht trifft oft spektakulär auf die Fassaden der Hauptstraße.
- Details: Achte auf die alten Inschriften, verrostete Schlösser und die bröckelnden Schichten der blauen Farbe („Siebenbürger Blau“).
- Portraits: Wenn Du mit den Einheimischen ins Gespräch kommst, entstehen oft charakterstarke Portraits (immer fragen!).
Für Naturliebhaber und Wanderer
Die Umgebung von Gherdeal ist das Siebenbürgen aus dem Bilderbuch. Sanfte Hügel, Wiesen voller Wildblumen und im Hintergrund – bei klarem Wetter – die majestätische Kette des Făgăraș-Gebirges. Eine Wanderung von Cincu (Großschenk) nach Gherdeal (ca. 5-6 km) ist absolut empfehlenswert. Du läufst durch eine Landschaft, die keine Zäune kennt, vorbei an Schafherden und durch absolute Ruhe.
Praktische Tipps & Übernachtung
In Gherdeal selbst gibt es kaum Infrastruktur. Es gibt keinen Supermarkt und kein reguläres Restaurant. Das macht den Charme aus, erfordert aber Planung. Bring Wasser und Verpflegung mit.
Wo übernachten? Die beste Basis für einen Besuch ist das benachbarte Cincu (Großschenk).
- Cincu: Hier gibt es Gästehäuser und Pensionen, die z.B im alten sächsischen Pfarrhaus oder in Bauernhöfen untergebracht sind. Cincu liegt nur wenige Autominuten entfernt und bietet den idealen Mix aus Authentizität und Komfort.
- Agnita oder Făgăraș: Wenn Du mehr städtische Infrastruktur suchst, sind diese beiden Städte gute Ausgangspunkte für Tagesausflüge.
Gherdeal (Gürteln) – Kompakt
- Lage: Kreis Sibiu, unweit von Cincu (Großschenk)
- Charakter: Ein sächsisches Dorf im Dornröschenschlaf („Zeitkapsel“)
- Sehenswert: Die historische Kirchenburg und die Alte Schule
- Besonderheit: Absolute Stille und ursprüngliche Architektur
- Anreise: Über Schotterstraße (bei Regen schwierig)
Mein Tipp für Deinen Besuch
Nimm Dir Zeit. Gherdeal ist kein Ort zum „Abhaken“. Setz Dich auf eine Bank, atme die Luft und lass die Atmosphäre wirken. Es ist einer der wenigen Orte in Europa, wo Du eine echte Zeitreise erleben kannst – fragil, schön und unvergesslich.

