Als ich im Jahr 2016 mein altes Bauernhaus übernahm, dessen Grundmauern aus dem Jahr 1888 stammen, stand ich vor einer gewaltigen baulichen Aufgabe. Ein altes Haus ist ein handwerkliches Vermächtnis. Vorbesitzer haben in den vergangenen Jahrzehnten leider nicht immer die besten Entscheidungen für das alte Mauerwerk getroffen. Oft leuchtet einem an der Fassade ein graues, extrem hartes und rissiges Zementnetz entgegen, das sich wie ein starrer Käfig um die wunderschönen, unregelmäßigen Natursteine legt.
Ich hatte in sofern Glück, dass die Vorbesitzer wenig Hand angelegt haben. Die Bruchsteinwände waren an vielen Stellen tief ausgewaschen, das Regenwasser konnte ungehindert eindringen. Ich wollte das Bruchsteinmauerwerk neu verfugen, Kalkmörtel war hierfür die historisch korrekte Wahl. In diesem Beitrag nehme ich Dich mit auf meine Baustelle und teile meine Fugensanierung mit Dir. Du erfährst nicht nur, wie Du handwerklich vorgehst, sondern auch, warum moderne Baustoffe an alten Häusern oft katastrophale Schäden anrichten.
Die Bauphysik: Warum historische Gebäude atmen müssen
Wir sind es in der heutigen Zeit gewohnt, Gebäude absolut luft- und wasserdicht zu verpacken. Kunststofffolien, Kunstharzputze, Bauschaum, Silikon und hochfester Zement dominieren die modernen Baustellen. Wenn man diese Logik jedoch auf ein Gebäude anwendet, das im 19. Jahrhundert errichtet wurde, leitet man dessen strukturellen Verfall ein. Das sächsische Bauernhaus ist als völlig diffusionsoffenes System konzipiert. Es muss atmen können.
Mein Haus wurde ab dem Erdgeschoss hauptsächlich mit Feldbrandziegeln gebaut, die ursprünglich mit Lehm vermauert wurden. Für die jetzige Renovierung der Wandflächen setze ich jedoch auf Kalkputz, da dieser langlebiger ist und den historischen Bestand optimal schützt. Das darunterliegende Fundament, der massive Bruchsteinsockel, folgt denselben physikalischen Regeln. Feuchtigkeit, die in Form von Schlagregen oder aufsteigender kapillarer Erdfeuchte in das Mauerwerk eindringt, muss die Möglichkeit haben, wieder ungehindert an die Umgebungsluft zu verdunsten.
Der Mörtel in einem historischen Mauerwerk ist von den alten Baumeistern ganz bewusst als Opferputz oder Opferfuge gedacht worden. Es ist immer besser, wesentlich ressourcenschonender und ungleich günstiger, wenn nach fünfzig oder mehr Jahren eine Fuge leicht mürbe wird und ausgetauscht werden muss, als wenn der Naturstein durch Frostsprengung von innen heraus zerstört wird. Zement sperrt die Feuchtigkeit gnadenlos ein. Der Naturstein saugt das Wasser bei Regen auf, der Zement in den Fugen blockiert jedoch den Weg nach draußen. Sinken die Temperaturen im Winter unter den Gefrierpunkt, dehnt sich das im Stein gefangene Wasser um etwa neun Prozent aus. Der enorme Druck sprengt selbst den härtesten Naturstein. Die Risse entstehen nicht im Zement, sondern der Zement reißt den Stein in Stücke.
Materialkunde: Welcher Kalkmörtel ist der richtige?
Wenn man das Bruchsteinmauerwerk neu verfugen und Kalkmörtel verwenden will, steht man im Baustoffhandel oft vor einem großen Problem. Im normalen Baumarkt wird man in der Regel nur reinen Zement oder hoch zementhaltige Putz- und Mauermörtel finden. Selbst Produkte, die in großen Lettern als Kalkzementmörtel oder Trasszementmörtel beworben werden, sind für dieses Vorhaben am historischen Sockel völlig ungeeignet, da ihr Zementanteil sie immer noch zu starr und wasserundurchlässig macht.
Naturhydraulischer Kalk (NHL)
Für die Restaurierung an meinem alten Bauernhaus benötige ich Naturhydraulischen Kalk, in der Fachsprache abgekürzt als NHL (Natural Hydraulic Lime). Dieser spezielle Kalk bindet nicht nur durch die langsame Aufnahme von Kohlendioxid aus der Luft ab, sondern er verfügt durch natürliche mineralische Beimengungen im Kalkstein auch über hydraulische Eigenschaften. Das bedeutet, er bindet auch unter Einwirkung von Wasser chemisch ab und erreicht dadurch eine höhere Festigkeit und Witterungsbeständigkeit, die für den Außenbereich notwendig ist.
Die Zahl „3.5“ bei der Bezeichnung NHL 3.5 gibt die Druckfestigkeit des Materials nach 28 Tagen an. Es gibt auf dem Markt im Wesentlichen drei Abstufungen:
- NHL 2: Ein sehr weicher Kalk. Er eignet sich für sehr weiche historische Steine wie Tuff oder stark sandende Sandsteine. Für den extrem bewitterten Sockelbereich ist er zu weich.
- NHL 3.5: Die mittlere Festigkeit. Dies ist der Standard, wenn man das Bruchsteinmauerwerk neu verfugen will. Kalkmörtel dieser Güteklasse ist fest genug, um Wind, Schlagregen und Frost zu trotzen, bleibt aber kapillaraktiv genug, um den Naturstein zu schützen und zu entfeuchten.
- NHL 5: Ein sehr harter Kalk. Er wird für extreme statische Belastungen oder stark wasserbelastete Bereiche wie Kaimauern verwendet. Für ein Bauernhaus ist er zu hart.
Der richtige Sand: Scharf und gewaschen
Der Kalk ist lediglich das Bindemittel. Das wahre Rückgrat und das Volumen des Mörtels bildet der Sand. Man sollte für die Restaurierung reinen, gewaschenen und vor allem scharfen Sand verwenden. Scharf bedeutet in diesem bautechnischen Zusammenhang, dass die einzelnen Sandkörner gebrochene, rauhe und eckige Kanten aufweisen. Diese scharfen Kanten verzahnen sich im Mörtelbett wesentlich besser ineinander und sorgen für eine enorme Rissfreiheit und Stabilität der fertigen Fuge.
Die Körnung von 0–4 Millimetern ist für historische, meist etwas breitere und tiefere Fugen absolut ideal. Die feinen Anteile sorgen für eine sahnige Verarbeitung, während die größeren Körner dem Mörtel seine notwendige Struktur, Druckfestigkeit und Unempfindlichkeit gegen tiefe Schwindrisse verleihen.
Materialbedarfsrechnung und Vorbereitung
Bevor man mit dem Auskratzen beginnt, musst man das Material bestellen. Bei großen Sockelflächen verschätzt man sich extrem schnell. Die tiefen Hohlräume im unregelmäßigen Bruchstein verschlucken oft unfassbare Mengen an Mörtel. Gehe nicht von einer standardisierten Fugenbreite aus. Messe an verschiedenen Stellen der Fassade die durchschnittliche Tiefe und Breite der Fugen aus.
Mein Tipp: Bei einem stark ausgewaschenen Bruchsteinmauerwerk kann man durchaus mit 15 bis 25 Litern fertigem Mörtel pro Quadratmeter Wandfläche rechnen. Bei einem traditionellen Mischungsverhältnis von 1:3 benötigt man also für 100 Liter fertigen Mörtel etwa 25 Liter Kalk und 75 Liter Sand. Bestelle den Sand am besten gleich kubikmeterweise lose beim örtlichen Kieswerk. Das ist um ein Vielfaches günstiger als Sackware aus dem Baumarkt.
Werkzeuge und Arbeitssicherheit
Kalk ist im nassen Zustand stark alkalisch. Das bedeutet, er wirkt stark ätzend auf Haut und Schleimhäute. Arbeite beim Anmischen und Verfugen niemals ohne persönliche Schutzausrüstung. Du benötigst:
- Atemschutzmaske für das Anmischen des trockenen Kalkpulvers
- Dicht schließende Schutzbrille
- Säurefeste, lange Maurerhandschuhe
- Fäustel und verschiedene Fugeisen in diversen Breiten
- Ein Kellenblech (Fugblech)
- Mehrere Drahtbürsten und einen Quast
- Einen Gartenschlauch mit feiner Sprühdüse
- Ausreichend Jutesäcke zum späteren Abhängen der Wand
Bruchsteinfugen sanieren Anleitung: Die Schritte
Nun geht es an die eigentliche Handwerksarbeit. Nimm Dir für jeden dieser Schritte ausreichend Zeit. Hast und Eile rächen sich bei Restaurierungsarbeiten immer. Ein gewissenhaftes Vorgehen ist unerlässlich, wenn wir dauerhaft das Bruchsteinmauerwerk neu verfugen Kalkmörtel verzeiht keine schlampige Vorbereitung.
Schritt 1: Das gründliche Auskratzen der mürben Fugenmasse
Dieser Arbeitsschritt erfordert den größten körperlichen Einsatz. Du musst die alten, bröckelnden Fugen oder den unpassenden Zement restlos entfernen. Nimm ein Fugeisen und den Fäustel zur Hand. Die wichtigste Grundregel im Maurerhandwerk für diesen Schritt lautet: Die Fuge muss mindestens doppelt so tief ausgekratzt werden, wie sie breit ist. Ist Deine Fuge zwischen den Bruchsteinen also 2 Zentimeter breit, musst Du das alte Material zwingend mindestens 4 Zentimeter tief entfernen. Nur so schafft man eine ausreichend große Flankenfläche, an der sich der neue Mörtel festhalten kann.
Tief im Inneren der Wand wirst Du oft den alten, zu Sand zerfallenen Lehmmörtel finden, mit dem die Steine ursprünglich gesetzt wurden. Kratze wirklich alles heraus, was lose ist. Bei extrem hartnäckigem Zement musst Du vorsichtig sein. Schlage nicht blindlings auf den Zement ein, um die Kanten der Natursteine nicht abzusprengen. Aber alles, was Risse hat oder beim Dagegenklopfen hohl klingt, muss weg.
Schritt 2: Penibles Reinigen der Hohlräume
Wenn Du mit dem Auskratzen fertig bist, beginnt das große Putzen. Feiner Staub, Spinnweben und loser Sand sind Feinde des neuen Kalkmörtels. Sie wirken auf dem Stein wie eine Trennschicht.
Nimm im ersten Durchgang eine harte Drahtbürste und bearbeite die steinernen Flanken innerhalb der Fuge intensiv. Danach nimmst Du den nassen Quast und kehrst die Fugen penibel aus. An sehr trockenen Tagen habe ich hervorragende Ergebnisse erzielt, indem ich die Fugen mit einem Kompressor und Druckluft ausgeblasen habe.
Schritt 3: Das Mauerwerk intensiv vornässen
Dies ist der Einzelschritt, der am häufigsten vergessen wird. Naturstein und historisches Mauerwerk sind im Inneren meist extrem trocken. Wenn Du nun den frisch gemischten Mörtel in hineinpresst, saugt der Stein das Wasser aus dem Mörtel heraus. Dieser Vorgang nennt sich Aufbrennen. Dem Kalkmörtel fehlt dann das Wasser für den chemischen Abbindeprozess. Er härtet nicht aus, sondern wird mehlig und zerfällt nach wenigen Wochen wieder zu Sand.
Deshalb muss man das Mauerwerk intensiv und tiefenwirksam vornässen. Nutze dafür den Gartenschlauch mit einer feinen Sprühlanze. Die Fugen müssen dunkel vor Feuchtigkeit sein. Allerdings darf beim eigentlichen Verfugen kein stehendes Wasser mehr in der Fuge glänzen. Das Mauerwerk muss den Zustand mattfeucht erreicht haben.
Schritt 4: Den Kalkmörtel richtig anmischen
Das klassische Mischungsverhältnis für unseren Fugenmörtel beträgt 1 Raumteil NHL 3.5 auf 3 Raumteile des gewaschenen, scharfen Sandes (0–4 mm). Mische die trockenen Bestandteile zunächst im Kübel ohne Zugabe von Wasser gründlich durch, bis eine völlig homogene Masse entstanden ist. Erst dann gibst Du unter ständigem Rühren ganz vorsichtig sauberes Anmachwasser hinzu.
Gehe mit dem Wasser sparsam um. Ein guter Fugenmörtel darf auf gar keinen Fall nass oder suppig sein. Er sollte eine Konsistenz haben, die als erdfeucht bis steifplastisch beschrieben wird. Formt man eine Handvoll des Mörtels, sollte er stabil zusammenhalten wie ein fester Schneeball. Lass die fertige Mischung nach dem ersten Durchrühren für einige Minuten im Kübel reifen und rühre sie dann vor der Verarbeitung noch einmal kräftig durch.
Schritt 5: Das Mauerwerk fachgerecht verfugen
Nimm die Glättkelle zur Hand und häufe etwas Mörtel darauf. Halte dieses Blech waagerecht direkt unter die Fuge, die Du füllen möchtest. Mit dem Fugeisen schiebst Du nun den Mörtel portionsweise und mit Druck vom Blech tief in die Fuge hinein. Beginne bei den tiefsten Löchern und arbeite Dich langsam nach außen vor.
Wenn Du extrem tiefe Ausbrüche in der Wand hast, solltest Du nicht versuchen, diese riesigen Volumina in einem einzigen Arbeitsgang zu füllen. Bringe stattdessen eine erste dicke Schicht ein, drücke sie fest und warte ein oder zwei Tage, bis diese Grundschicht abgebunden hat, bevor Du die restliche Fuge bündig aufbaust.
Schritt 6: Verdichten und Zwickelsteine setzen
Das einfache Hineinschieben des Mörtels reicht bei weitem nicht aus. Man muss das Material verdichten. Drücke mit der flachen Spitze des Fugeisens kräftig und wiederholt gegen den frisch eingebrachten Mörtel. Du wirst sofort merken, wie sich die sandige Masse setzt und extrem kompakt wird. Das stellt sicher, dass keine Hohlräume entstehen.
Mein Tipp: Gerade bei historischem Bruchsteinmauerwerk klaffen oft große Lücken zwischen den Steinen. Hier solltest Du mit Zwickeln arbeiten. Das sind kleine Bruchstücke aus Naturstein, die zusammen mit dem Mörtel tief in die Fugen gedrückt werden. Das spart Material, erhöht die statische Stabilität der Wand enorm und vermindert das Risiko von Schwindrissen beim Aushärten.
Schritt 7: Das perfekte Oberflächenfinish
Die Gestaltung der Fuge ist wichtig. Ich bevorzuge es bei Restaurierungen, die Fuge leicht zurückspringen zu lassen (etwa 2 bis 5 Millimeter hinter die vorderste Steinkante). Das gibt der Wand eine plastische Tiefe. Die Fuge muss dabei immer so gestaltet sein, dass Regenwasser ungehindert nach außen ablaufen kann.
Sobald der Mörtel nach ein bis zwei Stunden angezogen hat, bearbeite ich die Oberfläche nach. Ein Glattstreichen mit dem Fugeisen führt zu einer glänzenden Oberfläche, die oft unnatürlich aussieht. Besser ist es, die leicht angezogene Fuge mit einem trockenen Heizkörperpinsel oder einer feinen Holzbürste sanft abzutupfen. Dadurch legst Du gezielt die oberen Sandkörner frei. Das Ergebnis ist eine rauhe, matte Textur, die den historischen Charakter unterstreicht und eine exzellente Verdunstungszone bietet.
Fehlerbehebung und die richtige Nachbehandlung
Auch wenn Du Dich penibel an die Anleitung hältst, können kleine Probleme auftreten. Wenn der Mörtel feine Risse bildet, war der Sand oft zu fein oder der Mörtel zu nass. Leichte Haarrisse kannst Du in der Anziehphase durch erneutes, kräftiges Andrücken schließen.
Der allergrößte Fehler, den man machen kannst, ist, die mühsam verfugte Wand schutzlos der Sonne zu überlassen. Naturhydraulischer Kalk braucht ausreichend Zeit und vor allem Feuchtigkeit, um stabil abzubinden. Die frischen Fugen müssen über einen Zeitraum von mindestens drei Tagen konstant feucht gehalten werden.
Besprühe das Mauerwerk regelmäßig mit einem feinen Wassernebel. Bei warmem Wetter rate ich dazu, das Mauerwerk mit nassen Jutesäcken abzuhängen. Diese speichern das Wasser lange und geben es als feuchtes Mikroklima an die Wand ab. Auch vor Frost musst der frische Mörtel unbedingt geschützt werden, weshalb ich diese Arbeiten idealerweise im Frühjahr oder frühen Herbst durchführe.
Weiterführende Informationsquellen für historische Baustoffe
Wenn Du Dich tiefer in die Materie der Restaurierung einlesen möchtest, gibt es einige hervorragende Anlaufstellen, die fundiertes Hintergrundwissen liefern:
- WTA-Merkblätter: Hier findest Du wissenschaftlich belegte Richtlinien zur Sanierung historischer Bausubstanz.
- Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. (IgB): Ein aktiver Verein, der sich dem Erhalt ländlicher Baukultur widmet.
- Dein lokaler Fachhändler für Naturbaustoffe: Eine unersetzliche Quelle für erstklassige Beratung und echte ökologische Materialien.
Wenn Du nach einigen intensiven Tagen der Pflege die feuchten Jutesäcke abnimmst, das gereinigte Mauerwerk langsam getrocknet ist und sich die rauhe Struktur der neuen Kalkfuge harmonisch an die unregelmäßigen Flanken der Natursteine schmiegt, wirst Du sehen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Du hast dem Haus nicht nur seinen ursprünglichen Charakter zurückgegeben, sondern seine strukturelle Gesundheit für Generationen gesichert.

