Reiseziel Țara Moților: Die faszinierende Holzkultur im Tal der Motzen entdecken

Eine weite Berglandschaft im Apuseni-Gebirge. Im Vordergrund treiben zwei Hirten in traditioneller Kleidung eine große Schafherde durch einen Holzpferch. Im Hintergrund stehen alte Holzhäuser mit steilen Strohdächern und Heuschober an einem kleinen Fluss.

Westlich der lebhaften Universitätsstadt Klausenburg (Cluj-Napoca) in Rumänien erhebt sich eine Bergwelt, in der die Uhren spürbar langsamer ticken. Das Apuseni-Gebirge, auch als Westkarpaten bekannt, birgt ein kulturelles und landschaftliches Juwel: das Țara Moților, das Land der Motzen. Wenn Du auf der Suche nach einem Reiseziel bist, das abseits der ausgetretenen Pfade liegt und Dich tief in eine archaische Lebensweise eintauchen lässt, dann ist diese Region eine der ursprünglichsten Erfahrungen, die Du in Europa noch machen kannst.

Wer sind die Motzen und was macht ihre Kultur aus?

Die Motzen (Moți) sind die Bewohner der höher gelegenen Dörfer im Apuseni-Gebirge, vor allem rund um das Tal des Flusses Arieș. Seit Jahrhunderten ist ihr Leben untrennbar mit dem Wald und dem Werkstoff Holz verbunden. Diese tiefe Verbindung zur Natur prägt nicht nur die Architektur der Region, sondern den gesamten Alltag.

Während viele traditionelle Handwerkskünste in Europa nur noch in Museen zu finden sind, ist die Holzkultur im Țara Moților lebendig. Die Menschen hier sind Meister in der Holzverarbeitung. Aus den Stämmen der Fichten schnitzen, drechseln und zimmern sie fast alles, was sie zum Leben benötigen: von filigranen Holzschindeln über massive Holzfässer und landwirtschaftliche Geräte bis hin zu ihren typischen Häusern.

Ein besonderes Symbol dieser Kultur ist das Tulnic, ein bis zu drei Meter langes, aus Fichtenholz gefertigtes Blasinstrument, das dem Schweizer Alphorn ähnelt. Ursprünglich wurde es von den Frauen genutzt, um über die weiten Täler hinweg zu kommunizieren, vor Gefahren zu warnen oder die Schafherden zu rufen. Mit etwas Glück kannst Du bei Deinem Besuch die tiefen, melancholischen Töne eines Tulnics durch die Wälder hallen hören.

Eine archaische Lebensweise inmitten rauer Natur

Eine Reise in das Țara Moților ist wie eine Reise in eine andere Epoche. Die Landschaft ist geprägt von dichten Nadelwäldern, tiefen Karsthöhlen und weiten, sanften Almwiesen, auf denen das Heu noch oft von Hand gemäht und in charakteristischen Schobern aufgeschichtet wird. Die Dörfer liegen oft weit verstreut, manche Gehöfte sind nur über unbefestigte Schotterwege oder steile Pfade zu erreichen.

Das Leben hier folgt den Rhythmen der Jahreszeiten. Im Sommer zieht das Vieh auf die Hochweiden, und die Heuernte bestimmt den Tagesablauf. Im harten, schneereichen Winter rückt man in den holzbeheizten Stuben zusammen und widmet sich den handwerklichen Arbeiten. Es ist ein entbehrungsreiches, aber auch ein sehr naturverbundenes Leben. Wenn Du Dich darauf einlässt und mit den Einheimischen in Kontakt kommst – auch wenn die Verständigung oft nur mit Händen und Füßen funktioniert –, wirst Du eine unglaubliche Gastfreundschaft erleben.

Mein Tipp: Fotografie der Ploștini und die beste Reisezeit

Als Fotograf schlägt Dein Herz in dieser Region mit Sicherheit höher. Ein ganz besonderes Motiv sind die sogenannten Ploștini. Das sind alte, traditionelle Sommerhütten und Ställe, die durch ihre extrem steilen, mächtigen Strohdächer (teilweise auch Schindeldächer) auffallen. Du findest sie noch in den abgelegeneren Hochebenen, wie beispielsweise rund um das Dorf Gârda de Sus oder im Weiler Casa de Piatră.

Zur Fotografie: Vergiss das harte Mittagslicht. Wenn die Sonne richtig tief steht – ob morgens oder abends –, kommen die extremen Strukturen von dem alten Holz und den dicken Strohdächern erst richtig gut raus. Pack auf jeden Fall was Weitwinkliges in den Rucksack. Die Landschaft ist weitläufig, und Du willst ja oft eine Hütte im Vordergrund und das weite Tal dahinter aufs Bild kriegen. Was die Menschen vor Ort angeht: Lass die Kamera erst einmal unten. Ein ehrliches Hallo, ein Lächeln und ein kurzes Fragen, notfalls mit Händen und Füßen, wirken Wunder, bevor Du auf den Auslöser drückst.

Die beste Reisezeit: Wann Du am besten hinfährst? Für gute Bilder lohnen sich vor allem Mai und Juni, wenn alles richtig saftig grün ist, oder eben September und Oktober. Im Herbst hast Du nicht nur verfärbtes Laub, sondern oft auch den ganzen Tag über recht brauchbares Licht. Im Hochsommer flimmert die Luft häufig und es ist sehr heiß, und im Winter bleibst Du auf den abgelegenen Pisten schlichtweg im tiefen Schnee stecken.

Planung Deiner Reise: Anlaufstellen und Informationsquellen

Da das Țara Moților noch nicht von den großen Touristenströmen erfasst wurde, erfordert eine Reise dorthin ein wenig Vorbereitung. Deine Reise beginnt idealerweise in Klausenburg (Cluj-Napoca), das über einen internationalen Flughafen verfügt. Von dort aus erreichst Du die Ausläufer der Apuseni-Berge mit dem Mietwagen in etwa zwei bis drei Stunden.

Gute Ausgangspunkte für Erkundungen sind die Gemeinden Albac, Gârda de Sus oder Arieșeni. Hier findest Du authentische, oft familiengeführte Pensionen (Pensiuni), in denen Du die regionale Küche probieren kannst – dazu gehört oft hausgemachter Käse, Polenta (Mămăligă) und ein kräftiger Obstschnaps (Pălincă).

Hier sind einige nützliche Links für Deine weitere Recherche:

  • Naturpark Apuseni (Parcul Natural Apuseni): Auf der offiziellen Seite findest Du (meist auf Rumänisch und Englisch) Informationen zu Wanderwegen, Höhlen und Schutzgebieten. www.parculapuseni.ro
  • Rumänisches Tourismusamt: Bietet gute, allgemeine englischsprachige Übersichten zur Region und Kultur. romaniatourism.com

Lass Dich auf das Abenteuer Țara Moților ein. Es ist ein Ort, der Dich erden wird und der Dir zeigt, wie viel Kraft und Schönheit in einer traditionellen, einfachen Lebensweise steckt. Nimm Dir Zeit, pack Deine Kamera ein und entdecke dieses vergessene Tal im Herzen Europas.


Reisetipp Siebenbürgen: Das versteckte Tal von Urwegen (Apold)

Außenansicht der mittelalterlichen Gräfenburg in Urwegen (Gârbova), Siebenbürgen, eingebettet in ein grünes Hügeltal während der Goldenen Stunde. Der massive Bergfried steht im Zentrum der Ringmauer.

Hermannstadt, oder Sibiu, wie es auf Rumänisch heißt, ist zweifellos ein kulturelles Zentrum und ein Magnet für Besucher aus ganz Europa. Die authentisch renovierten Gassen, die großen Plätze und das rege Treiben laden zum Verweilen ein.

Doch wer das wahre, ursprüngliche Siebenbürgen sucht, muss die ausgetretenen touristischen Pfade verlassen. Nur eine relativ kurze Fahrt von der pulsierenden Stadt entfernt, verbirgt sich in einer sanften Hügellandschaft ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint: das Tal von Urwegen, oft auch im Kontext von Apold genannt. „Reisetipp Siebenbürgen: Das versteckte Tal von Urwegen (Apold)“ weiterlesen

Frühlingserwachen in Siebenbürgen: Ein Roadtrip abseits der Massen

Ein Feldweg im Frühling vor einer historischen wehrhaften Kirchenburg in Siebenbürgen, im Hintergrund die schneebedeckten Karpaten.

Wenn Ende März die letzten Schneefelder in den rumänischen Karpaten schmelzen und die ersten Wildblumen die Täler in ein zartes Grün tauchen, offenbart Transsilvanien seine wohl ursprünglichste Seite. Vergiss das überlaufene Schloss Bran oder die klassischen Dracula-Mythen.
Siebenbürgen im Frühling ist ein Sehnsuchtsort für echte Entdecker, Individualtouristen und Liebhaber von rauher Natur und jahrhundertealter Kultur. „Frühlingserwachen in Siebenbürgen: Ein Roadtrip abseits der Massen“ weiterlesen

Drohnenregeln 2026: Rechtssicher fliegen in rumänischen Nationalparks

Ein Fotograf steuert eine DJI Air 3 Drohne über den nebeligen Karpaten im Sonnenaufgang – passend zu den aktuellen Drohnenregeln in Rumänien 2026.

Die unberührten Landschaften Siebenbürgens und die schroffen Gipfel der Karpaten sind für jeden Fotografen ein absolutes Traumziel.

Luftaufnahmen bieten hier Perspektiven, die am Boden unmöglich einzufangen sind. Doch wer 2026 mit der Drohne nach Rumänien reist, muss sich auf strenge, aber klare Regeln einstellen – besonders, wenn es um Naturschutzgebiete wie den Retezat-Nationalpark oder das Piatra-Craiului-Gebirge geht. „Drohnenregeln 2026: Rechtssicher fliegen in rumänischen Nationalparks“ weiterlesen

Lost Places in Siebenbürgen: Verfallene Industriekultur fotografieren

Illustration eines Fotografen mit Kamera auf einem Stativ in einer verlassenen, von Pflanzen überwucherten Industriehalle in Rumänien mit Blick auf die Karpaten.

Wer an Siebenbürgen denkt, hat meist sofort malerische Holzkirchen, sanfte Hügel und Bären in den tiefen Wäldern der Karpaten vor Augen. Doch jenseits dieser Idylle verbirgt sich eine völlig andere, raue Seite Rumäniens: Die stummen Zeugen der massiven Industrialisierung aus der kommunistischen Ära. Riesige verlassene Fabrikanlagen, stillgelegte Bergwerke und verfallene Kulturhäuser bieten eine unvergleichliche Ästhetik des Verfalls. „Lost Places in Siebenbürgen: Verfallene Industriekultur fotografieren“ weiterlesen

Großschenk (Cincu) entdecken: Wehrkirche, NATO-Basis & Geschichte im Herzen Siebenbürgens

Luftaufnahme von Cincu (Großschenk) mit Kirchenburg und Dorfzentrum im Sommer.

Wer durch Siebenbürgen reist, sucht meist nach Ruhe und Geschichte. In Großschenk (rumänisch: Cincu) findet man beides – und eine Überraschung. Hier, im Herzen Siebenbürgens, steht nicht nur eine der mächtigsten Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen, sondern auch einer der wichtigsten NATO-Stützpunkte der Ostflanke.

📌 Cincu (Großschenk) – Kurzprofil

  • 📍 Lage: Kreis Brașov, Siebenbürgen (Rumänien)
  • 🏰 Historischer Status: Einer der „Fünf Stühle“ des Königsbodens (Sitz: Großschenk)
  • ⛪ Hauptsehenswürdigkeit: Evangelische Kirchenburg (Wehrkirche) aus dem 13. Jh.
  • ⚔️ Militärische Bedeutung: Standort des NATO Joint National Training Center (JNTC) „Getica“
  • 🎭 Tradition: Urzelnlauf (Lole-Brauch) im Februar
  • 💡 Besonderheit: Einzigartiger Kontrast zwischen mittelalterlicher Architektur und moderner Geopolitik.

Großschenk / Cincu: Die geschichtliche Entwicklung und das einzigartige Erbe Siebenbürgens

Lass uns heute gemeinsam einen Blick hinter die Kulissen werfen – genauer gesagt, hinter die imposanten Mauern von Großschenk, oder Cincu, wie der Ort in Rumänien heißt. Ich möchte Dir zeigen, wie dieser Ort zu einem der faszinierenden Kulturdenkmäler in Siebenbürgen wurde.

Du wirst sehen: Das ist keine Touristensache, das ist etwas für Entdecker.

I. Geographische und Verwaltungsgeschichtliche Einordnung

Großschenk liegt nicht zufällig dort, wo es liegt. Die Lage im Zentrum Siebenbürgens ist strategisch und hat die Geschichte des Ortes maßgeblich geprägt.

  • Der Status als „Stuhl“ – eine frühe Autonomie: Cincu war einer der sogenannten „Stühle“ des Königsbodens. Der Name Cincu leitet sich vom von der Zahl „Fünf“ (cinci) ab? Das liegt daran, dass Großschenk historisch gesehen als fünfter der sächsischen Verwaltungsbezirke (Stühle) im Königsboden gezählt wurde. Als sächsisches Siedlungsgebiet genoss dieser Stuhl weitreichende Autonomierechte. Siebenbürgen war ein Gebiet, in dem die Bürger ihr eigenes Recht sprachen, ihre Verwaltung regelten und ihre Steuern selbst festlegen durften. Das war die Basis für ihren Wohlstand und ihre Unabhängigkeit.

  • Historisches Drehkreuz: Großschenk war lange Zeit ein lebendiger Zwischenstopp für Postkutschen und Händler. Die wichtige Verkehrsader machte es zu einem Knotenpunkt, wo Nachrichten und Waren aus Ost und West zusammenkamen. Wenn Du heute durch den Ort gehst, kannst Du dir die Hektik der Kuriere und das geschäftige Treiben der Kaufleute vielleicht noch vorstellen.

II. Die Architektonische Entwicklung der Kirchenburg

Die Kirchenburg ist das Highlight und der beste Geschichtslehrer vor Ort. Sie ist der Schlüssel, um Cincu zu verstehen.

  • Vom Kirchlein zur Kathedrale: Die Kirche begann im 13. Jahrhundert bescheiden als romanischer Bau. Mit dem zunehmenden Reichtum der sächsischen Gemeinschaft wuchs sie und wurde im beeindruckenden gotischen Stil erweitert. Du siehst sofort, hier wurde nicht gespart.

  • Die Urzelle: Schutz des Glaubens: Schon früh, ab dem Anfang des 13. Jahrhunderts, wurde dem Westturm der Kirche eine doppelte Rolle zugedacht: Er sollte den Glauben der Gemeinde im übertragenen wie im wörtlichen Sinne schützen. Er wurde von Anfang an als Wehrturm errichtet, mehrfach erhöht und verstärkt.

  • Der Bau der Festung (15. – 16. Jahrhundert): Als die Gefahr der Osmanen-Überfälle zunahm, wurde die Kirche zur mächtigen Festung ausgebaut. Die Entscheidung, die Kirche zur Festung auszubauen, war eine pragmatische Reaktion auf die Gefahr. Zwar gab es wohl schon etwas außerhalb eine einfache Fluchtburg, aber diese hatte sich in kritischen Momenten nicht bewährt. Der Fluchtweg war zu lang und zu gefährlich. Deshalb wurde der Entschluss gefasst, die Kirche, mitten im Dorfkern, zur mächtigen Festung auszubauen. Man zog dicke Ringmauern hoch, errichtete Wehrtürme und rüstete sie mit Schießscharten aus. Im Ernstfall bot die Kirchenburg Schutz vor Feinden und Hunger gleichermaßen.  Man zog dicke Ringmauern hoch und errichtete Basteien und Wehrtürme. Im Ernstfall bot sie Schutz vor Feinden.

    Wusstest du schon? Ursprünglich hatte die romanische Basilika sogar zwei Osttürme geplant oder im Ansatz, die aber späteren Umbauten weichen mussten. Heute dominiert der Westturm mit seinem charakteristischen Helm, den er im 18. Jahrhundert erhielt, als die äußeren Wehranlagen teilweise wieder abgetragen wurden.

  • Ein Stil-Mix der Extraklasse: Lass Dich nicht von den wehrhaften Mauern abschrecken. Im Inneren erwartet Dich eine architektonische Zeitreise: Das Kirchenschiff wirkt heute wie eine Hallenkirche (Umbau 1693). Du findest hier einen faszinierenden Mix: Spätgotisches Gestühl, eine Renaissance-Kanzel, barocke Taufbecken und eine klassizistische Orgel. Das ist kein Museum, das ist gewachsene Geschichte zum Anfassen.

III. Die Soziokulturellen Verschiebungen (20. Jahrhundert bis Heute)

Die jüngere Geschichte ist bewegend, aber auch melancholisch. Sie zeigt, wie sich die Identität dieses Ortes gewandelt hat.

  • Der große Abschied: Nach 1990 setzte die Auswanderung der meisten Siebenbürger Sachsen nach Deutschland ein. Das ist die stille, oft unerzählte Geschichte vieler Dörfer hier. Die jahrhundertelange Präsenz der Gründergemeinschaft ging zu Ende.

  • Ein lebendiges Kulturerbe: Die Wehrkirche steht heute als Symbol der Verwurzelung und wird durch internationale Initiativen und Stiftungen erhalten. Sie ist aber kein reines Museum! Cincu ist heute ein Ort, an dem die verschiedenen Kulturen – Rumänen, Roma, neu Hinzugezogene und die verbliebenen Sachsen – Seite an Seite leben.

    Deshalb solltest Du Cincu besuchen: Du erlebst hier nicht nur Geschichte, sondern den lebendigen Wandel eines Dorfes. Such das Gespräch mit den Einheimischen. Ihre Geschichten über das heutige Leben in Cincu sind genauso wertvoll wie die steinernen Zeugen der Vergangenheit.

IV. Das soziale Geheimrezept: Die Nachbarschaften

Wenn Du durch die Gassen von Cincu spazierst, siehst Du nicht einfach nur Häuser, die nebeneinander stehen. Du siehst das Ergebnis eines genialen sozialen Systems, das lange vor den sozialen Medien oder staatlichen Versicherungen erfunden wurde: die Nachbarschaften.

  • Mehr als nur „Hallo sagen“: In Großschenk war „Nachbarschaft“ keine lockere Bekanntschaft, sondern eine feste Pflicht und ein Privileg. Die Straßen waren in organisierte Abschnitte unterteilt, die wie eine große Familie funktionierten – aber mit strengen Regeln!

  • Einer für alle, alle für einen: Stell dir vor, Du willst ein Haus bauen, heiraten oder hast einen Trauerfall. Du musstest Dich um nichts alleine kümmern. Die Nachbarschaft packte an. Es war eine Solidargemeinschaft, die das Überleben sicherte. Wenn der Brunnen gereinigt werden musste oder einer in Not geriet, war die Hilfe garantiert.

  • Der „Nachbarvater“: An der Spitze stand der gewählte „Nachbarvater“. Er war Streitschlichter, Organisator und Respektsperson in einem. Er sorgte dafür, dass Ordnung herrschte und niemand zurückgelassen wurde.

    Der Spirit heute: Auch wenn die strengen Statuten heute Geschichte sind, spürst du diesen Geist des Zusammenhalts noch immer, wenn du mit den älteren Bewohnern sprichst. Es ist dieses unsichtbare Band, das Cincu zusammenhält.

V. Ein kurioser Kontrast: Cincu und das Militär (Gestern & Heute)

Wenn du in Cincu sitzt und Deinen Kaffee trinkst, kann es passieren, dass sich die idyllische Stille mit dem Brummen schwerer Motoren mischt. Wundere Dich nicht, wenn Du plötzlich Amerikaner, Franzosen oder Bundeswehrsoldaten beim Einkaufen triffst.

  • Wehrhaftigkeit 2.0: Cincu ist heute Standort des „Getica“ National Joint Training Center, eines der größten Truppenübungsplätze Rumäniens und wichtiger NATO-Standort.

  • Eine alte Tradition (Der Kaiser war schon hier): Dieser militärische Schwerpunkt ist kein Zufall der Neuzeit. Schon zur Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie wurde das Gelände um Großschenk (Polygon) als Truppenübungsplatz genutzt. Was heute der NATO dient, diente damals den K.u.K. Truppen. Die Geschichte beißt sich hier quasi in den Schwanz: Von der mittelalterlichen Wehrhaftigkeit der Kirchenburg über die Manöver der Monarchie bis zur High-Tech-Verteidigung der Gegenwart.

  • Der visuelle Gegensatz: Für Dich als Besucher bietet das surreale Szenen. Es ist einer der wenigen Orte, wo du einen modernen Panzer sehen kannst, der an einem Pferdefuhrwerk vorbeifährt, während im Hintergrund die jahrhundertealte Kirchenburg thront. Ein Fluch (Lärm) und Segen (Wirtschaft) zugleich für die Gemeinde.

Dein Besuch: Entschleunigen und Eintauchen in Cincu

Großschenk ist der ideale Ort, um dem hektischen Alltag zu entfliehen – nicht durch Langeweile, sondern durch echtes Entschleunigen. Hier ticken die Uhren noch anders, und das ist genau das, was diesen Flecken Erde so kostbar macht.

Aber Cincu ist mehr als nur Stille. Hier sind drei Gründe, warum sich ein längerer Aufenthalt lohnt:

  • Ein Paradies für Naturliebhaber (und Fotografen!): Cincu liegt mitten im Harbachtal (Hârtibaciu-Hochland), einer Region, die für ihre europaweit einzigartige Biodiversität bekannt ist. Vergiss englischen Rasen. Hier wanderst du durch eine der letzten intakten mittelalterlichen Kulturlandschaften Europas. Im Frühling und Sommer explodieren die Wiesen förmlich vor Wildblumen, Kräutern und seltenen Schmetterlingen. Pack unbedingt Deine Kamera oder das Makro-Objektiv ein!

  • Lebendige Traditionen – Die Urzeln: Wenn Du im Februar hier bist, erlebst Du ein Spektakel, das Gänsehaut macht: Den Brauch des Urzelnlaufens. Mit furchterregenden Masken, knallenden Peitschen und lauten Kuhglocken treiben die maskierten Gestalten den Winter (und böse Geister) aus. Dieser uralte Zunftbrauch ist im Harbachtal tief verwurzelt und ein fantastisches Beispiel dafür, wie sächsische Traditionen heute noch wild und laut gefeiert werden.

  • Das perfekte Basislager für Entdecker: Großschenk liegt strategisch genial, um die verborgenen Schätze der Umgebung zu erkunden:

    • Cincșor (Kleinschenk): Nur einen Katzensprung entfernt. Hier musst Du die wunderschön restaurierten Pfarrhäuser und die alte Schule besuchen – heute stilvolle Gästehäuser und ein Paradebeispiel für gelungene Revitalisierung.

    • Agnita (Agnetheln): Das historische Zentrum des Tals, wo der Urzel-Brauch seinen Höhepunkt findet.

    • Die Fagarascher Berge: An klaren Tagen hast du von den Hügeln um Cincu einen atemberaubenden Blick auf die schneebedeckten Gipfel der Karpaten.

Ob du nun wegen der Wehrgeschichte, der wilden Natur oder einfach für die Ruhe kommst – Cincu wird dich überraschen. Pack Deine Sachen und mach dich auf den Weg. Großschenk wartet darauf, von Dir persönlich entdeckt zu werden! Vielleicht begegnen wir uns ja!


Cincu (Großschenk) auf einen Blick

  • Besonderheit: Kontrast zwischen mittelalterlicher Wehrkirche und modernem NATO-Stützpunkt („Getica“).

  • Architektur: Wehrkirche mit einem Westturm (Glaubenswehr), Stilmix aus Gotik, Renaissance und Barock.

  • Soziales Erbe: Die „Nachbarschaften“ als historisches Solidaritätssystem.

  • Natur & Kultur: Einzigartige Biodiversität im Harbachtal & der Urzel-Brauch im Februar.


Gemeindechronik

  • 1329 Erste urkundliche Erwähnung des Schenker Stuhls.
  • 1339 Erstmalige Nennung Großschenks nach der Gründung des Ortes Kleinschenk (Cincșor) auf der Schenker Gemarkung.
  • 1486 Großschenk erhält das Recht, einen Jahrmarkt zu halten.
  • 1497 Königlich-ungarische Truppen verwüsten den Schenker Stuhl.
  • 1523 Der Ort wird niedergebrannt.
  • 1600 Fliehende Truppen Michaels des Tapferen verwüsten mit Mord und Brandschätzung den Schenker Stuhl.
  • 1660 Im Schenker Stuhl wütet die Pest.
  • 1720 Gründung der Schenker Stuhlslateinschule.
  • 1708 Während der Kurutzenunruhen werden Großschenk und die Kirchenburg geplündert.
  • 1773 Am 31. Mai hält sich Kaiser Joseph II. in Großschenk auf.
  • 1890 Eine Auswanderungswelle nach Amerika setzt ein.
  • 1899 Ein örtlicher Jugendbund wird gegründet.
  • 1914 Ein Waisenhaus für den Kirchenbezirk Großschenk wird gegründet.
  • 1916 Einfall der Rumänischen Armee. Diese erleidet in der „Großen Schlacht“ auf dem Schmielenfeld nördlich des Ortes, heute Poligon genannt, eine vernichtende Niederlage.
  • 1945 Am 13. Januar, der auch als „Schwarzer Tag“ bezeichnet wird, werden 103 Männer und Frauen der Siebenbürger Sachsen in sowjetische Arbeitslager verschleppt.
  • 1962 Unter der kommunistischen Herrschaft werden alle Bauern gezwungen, der Kollektivwirtschaft beizutreten.
  • 1990 Exodus der siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung durch Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland.

Ethnisches Miteinander

Bereits im 19. Jahrhundert lebte in Groß-Schenk eine starke rumänische Minderheit. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges waren die meisten Bewohner jedoch Deutsche. Seit der Volkszählung 1930 sind die Rumänen in der Mehrheit. Insbesondere nach der Revolution von 1989 wanderten die meisten Deutschen aus. Vor allem deshalb ist seit dem Zweiten Weltkrieg die Einwohnerzahl sowohl der Gesamtgemeinde als auch des Dorfes Cincu stark – d. h. um etwa ein Drittel – zurückgegangen.

In der Gesamtgemeinde Cincu bezeichneten sich im Jahr 2002 von damals 1836 Einwohnern 1399 als Rumänen, 280 als Roma, 78 als Deutsche, 71 als Ungarn, 5 als Russen bzw. Lipowaner, einer als Jude und einer als Italiener. Ein weiterer Bewohner gab eine andere, nicht näher bezeichnete Nationalität an. Im Dorf Cincu selbst lebten 2002 insgesamt 1494 Menschen, davon 1110 Rumänen, 255 Zigeuner, 58 Deutsche, 69 Ungarn, 1 Jude und 1 Angehöriger einer anderen Nationalität.

Häufige Fragen zu Cincu (Großschenk)

Warum ist Cincu ein wichtiger NATO-Standort?

Cincu beherbergt das Joint National Training Center (JNTC) „Getica“, einen der größten Truppenübungsplätze Rumäniens. Aufgrund der geostrategischen Lage an der NATO-Ostflanke finden hier regelmäßig multinationale Manöver statt. Der Übungsplatz existiert bereits seit der k.u.k. Monarchie.

Kann man die Kirchenburg in Cincu besichtigen?

Ja, die Kirchenburg ist für Besucher zugänglich. Da es keine festen „Museumsöffnungszeiten“ wie in großen Städten gibt, lohnt es sich oft, im Pfarrhaus nebenan zu klingeln oder sich vorab anzumelden. Dies ermöglicht oft auch den Zugang zu versteckten Winkeln der Wehranlage und ein persönliches Gespräch.

Was hat es mit den „Urzeln“ auf sich?

Der Urzelnlauf ist ein spektakulärer sächsischer Zunftbrauch zur Vertreibung des Winters, der im Harbachtal (besonders in Agnita und Cincu) tief verwurzelt ist. Das Fest findet traditionell im Februar statt und zeichnet sich durch zottelige Kostüme, Peitschenknallen und laute Umzüge aus.

Wie viel Zeit sollte man für Cincu einplanen?

Für die reine Besichtigung der Kirchenburg reichen 1–2 Stunden. Wer jedoch die Atmosphäre des Harbachtals fotografisch einfangen will oder sich für die Architektur der sächsischen Bauernhäuser interessiert, sollte einen halben bis ganzen Tag einplanen und Cincu als Basis für Ausflüge nach Cincșor oder Agnita nutzen.

Über Fred Fiedler

Fred ist Fernwehgetriebener mit einer tiefen Verbindung zu Siebenbürgen. Was als berufliche Neugier begann, wurde zur Leidenschaft: 2016 kaufte er ein altes sächsisches Haus in Cincu. Seitdem widmet er sich der Herausforderung, den einzigartigen Charakter des Gebäudes mit einer Mischung aus traditionellen Handwerkstechniken und modernen Mitteln zu bewahren und die Tradition vor Ort fortzusetzen. In seinen Berichten teilt er nicht nur historisches Wissen, sondern echte Insider-Erfahrungen aus dem Leben..