Baukultur als Mission – Warum Zement hier nichts zu suchen hat

Blick auf die Baustelle der Casa lui Fred. Wir retten ein Gebäude von 1888 mit Lehm, Kalk und Altholz.

Die unsichtbare Zerstörung: Was der vermeintlich stärkere Baustoff mit historischen Mauern anrichtet.

Als ich 2016 das Bauernhaus in Cincu (Großschenk) gekauft habe, war die größte Herausforderung nicht die Statik, sondern eine unsichtbare Gefahr: Die Zement-Falle. Überall in Siebenbürgen sehe ich, wie historische Bausubstanz durch gut gemeinte, aber falsche Sanierung zerstört wird. Vielleicht fehlt einfach das Wissen um die Materialeigenschaften, ich vermute aber eher, es sind die Kosten und die ’schnelle Lösung‘, die zu zementhaltigen Materialien greifen lässt.
Ich habe immer mal wieder Häuser angeschaut, die mit zementhaltigen Materialien repariert wurden. Mein Haus war zwar in einem ziemlich schlechten Zustand, aber eben auch deshalb, weil hier noch niemand Hand angelegt hatte.

Meine Mission für die Casa lui Fred war deshalb von Anfang an klar: Ich möchte das Haus retten und seine ursprünglichen Regeln respektieren. Denn moderne, harte Materialien sind der stille Feind dieses alten Mauerwerks.

Das traditionelle „Weiche System“

Um zu verstehen, warum Zement hier nichts zu suchen hat, muss man die Materialien kennen, die das Haus über Generationen hinweg schützten:

  • Der weiche Stein: Feldbrandziegel. Diese Ziegel wurden bei niedriger Temperatur gebrannt. Das macht sie zwar weniger stabil als moderne Klinker, verleiht ihnen aber eine hohe Porosität. Sie sind weich und flexibel – Eigenschaften, die für das gesamte System entscheidend sind.

  • Die flexible Fuge: Lehm als Mörtel. Die Mauern sind mit Lehm gemauert. Lehm ist hygroskopisch – er kann Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben. Er federt leichte Setzungen des alten Hauses über Jahrzehnte ab.

  • Der atmende Mantel: Kalkputz. Die Mauern sind mit Kalkputz verputzt. Kalk ist der perfekte Schutzschild: Er ist dampfdiffusionsoffen. Er schützt vor Regen, aber wenn Feuchtigkeit von innen oder unten aufsteigt, kann sie durch den Putz als Dampf entweichen (Hydroregulation).

II. Die Physikalische Inkompatibilität: Zement, der stille Zerstörer

Das Problem beginnt, wenn der harte, dichte Zement in dieses weiche System eindringt.

Zement ist nicht diffusionsoffen. Er wirkt wie eine Plastiktüte um die Wand:

  1. Der falsche Feuchtigkeitspfad: Feuchtigkeit, die naturgemäß im Mauerwerk aufsteigt (oder von innen kommt), trifft auf den dichten Zement. Sie kann nicht entweichen.

  2. Die Konzentration: Statt nach außen geleitet zu werden, staut sich die Feuchtigkeit in der nächstbesten weichen Stelle – der Lehmfuge und dem Feldbrandziegel direkt hinter dem Zement.

  3. Die Zerstörung: Bei Frost gefriert das Wasser in den Poren und sprengt das Material. Auch Salze kristallisieren und zermahlen die Bausubstanz von innen heraus. Die Mauer bröselt ab, bis nur noch der harte, aber nutzlose Zementputz übrig bleibt. Das ist der Moment, in dem die Mauern sprichwörtlich das Atmen verlernen.

III. Meine Mission: Die Strategie der Bewahrung

Die Entscheidung für die Sanierung der Casa lui Fred war daher eine Rückkehr zu den Bauprinzipien, die das Haus über 150 Jahre funktional gehalten haben.

  • Ich setze konsequent auf Kalkputze. Der Putz muss immer weicher sein als der Stein darunter – eine Grundregel der Denkmalpflege.

  • Ich stelle die natürliche Hydroregulation des Hauses wieder her, was für ein gesundes, atmendes Raumklima sorgt.

  • Die Renovierung alter Bauernhäuser ist eine Kunst, die Respekt vor dem Material erfordert. Ich beweise, dass der beste Weg zur Erhaltung der Baukultur in Siebenbürgen nicht die moderne Technik, sondern die Weisheit der Altvorderen ist. Denkmalpflege beginnt bei der Materialwahl.

  • Ersparnis durch moderne Materialien – ein Widerspruch?
    Ich versuche, alte Materialien vor Ort zu kaufen, wo immer ich dran komme: Mauerziegel, Bruchsteine, alte Balken, Türen, Dachziegel (Biberschwänze) …
    Aber gleichzeitig habe ich auch ein Zeitproblem und ein schmales Budget, um mein Projekt zu verwirklichen. Deshalb greife ich auch auf moderne Materialien zurück – bewusst und bedacht. Der Fokus liegt darauf, alles alte, was noch vorhanden ist, zu erhalten. Was nicht mehr vorhanden ist, ersetze ich mit modernen Materialien – ich denke, hätten die Altvorderen die Möglichkeit gehabt, wären sie ebenso vorgegangen.
    Als Beispiel nenn ich mal die ehemalige Sommerküche. Eine der Außenmauern war gleichzeitig die Grundstücksmauer, an der das große Tor angeschlagen war. Die ist irgendwann zusammengebrochen, nachdem das Dach undicht war und der Regen über viele Jahre den Lehm aus den Fugen gewaschen hat.
    Von den 4 Mauern steht nur noch eine. Das obere Drittel dieser Mauer ist auch schon sehr marode. Also werde ich den maroden Teil abtragen und die Mauer mit alten Materialien wieder herstellen. Die anderen 3 Mauern werde ich mit großformatigen Ziegel-Hohlblocksteinen aufbauen – inklusive frostsicherem Betonfundament darunter.
    Für die drei Wände brauche ich genau so lange, wie für das obere Drittel der alten Mauer mit Normalformat-Ziegeln. Das Betonfundament sorgt dafür, dass das Hoftor mit seiner großen Windangriffsfläche auch in vielen Jahren noch stabil verankert ist.
    Die drei Wände werden anschließend mit Kalkputz verputzt, so wie das früher auch war, man sieht den Unterschied der Materialien nicht mehr. Die alte Mauer lasse ich unverputzt.Mit meinem Kompromiss aus Originalität und Kostenoptimierung möchte ich ein Beispiel geben, wie man auch mit wenig Geld ein altes Gebäude und dessen Charakter erhalten kann, wenn man sich eine denkmalgerechte Sanierung nicht leisten kann. Vielleicht trägt das dazu bei, dass mehr dieser alten Häuser erhalten werden.

Januar 2017

Nahaufnahme von traditionellen, handgefertigten Urzelmasken (zottelige Fellkostüme und bemalte Gesichter) während des Umzugs in Cincu, Siebenbürgen.

Im Januar nutze ich meinen Resturlaub, um mal wieder in Großschenk vorbeizuschauen. Diesmal habe ich den Termin ganz bewusst gewählt. Nicht (nur) wegen des Baufortschritts, sondern wegen eines historischen Ereignisses: An diesem Wochenende findet seit über 25 Jahren zum ersten Mal wieder ein Urzelnlauf statt.

Diesmal nehme ich den Flieger von München nach Sibiu (Hermannstadt) und nehme mir von dort einen Mietwagen. Schon bei der Ankunft merke ich: Der Winter meint es dieses Jahr ernst.

Tradition lebt auf: Der Urzelnlauf

Zum Einen finde ich es toll, dass eine alte sächsische Tradition wieder aufersteht, und möchte deshalb unbedingt dabei sein. Zum Andern ist das die perfekte Gelegenheit, mich in die Gemeinschaft zu integrieren. Wann sonst sind so viele Leute auf der Straße? Es ist ein buntes Treiben, laut und fröhlich – ein starkes Zeichen für die Lebendigkeit von Cincu.

Januar 2017 - ein alter Brauch lebt wieder auf
Januar 2017 – ein alter Brauch lebt wieder auf

Info: Was sind die Urzeln?

Der Urzelnlauf (sächsisch: Urzelntag) ist ein alter Zunftbrauch der Siebenbürger Sachsen. Maskierte Gestalten (die Urzeln) ziehen mit Kuhglockengeläut, Peitschenknallen und Krapfen durch den Ort, um böse Geister zu vertreiben und den Fasching einzuläuten. Dass dies in Cincu nach einem Vierteljahrhundert Pause wieder stattfindet, ist eine kleine Sensation.

Minus 30 Grad: Der Härtetest für das Haus

Natürlich bin ich auch hier, um nach dem Rechten zu sehen. Der Winter war diesmal extrem kalt, wie schon lange nicht mehr. Wir sprechen von minus 30 Grad und teilweise noch darunter. Das ist nicht nur unangenehm für uns Menschen, das greift auch die Bausubstanz massiv an.

Winter 2017 Haus außen
Winter 2017 Haus außen

Das Problem zeigt sich vor allem – beziehungsweise eigentlich nur – in dem Bereich, der durch das undichte Dach durchfeuchtet war. Wo Wasser im Mauerwerk ist, da sprengt der Frost. Es ist ein trauriger, aber wichtiger Anblick, um zu verstehen, wo wir im Frühjahr ansetzen müssen.

Januar 2017 Tischlerwerkstatt
Januar 2017 Tischlerwerkstatt

Der Plan für das Frühjahr

Trotz der Kälte haben Wolfgang und ich das weitere Vorgehen besprochen. Der Fahrplan steht:

  • Haupthaus: Heuer im Mai werde ich die Risse im Mauerwerk angehen, die der Frost und die Zeit hinterlassen haben.
  • Ehemalige Tischlerei: Wolfgang und seine Truppe bringen dieses Nebengebäude weiter voran. Sobald der Winter vorbei ist, kommen der Ringanker und das neue Dach drauf.
  • Boden: Ebenfalls für Mai geplant sind die Bodenplatte und gegebenenfalls auch schon die Zwischenwände.

Es wartet viel Arbeit, aber jetzt wird erst einmal gefeiert – mit den Urzeln und den Nachbarn.

Januar 2017 in Cincu
Januar 2017 in Cincu

Großschenk (Cincu) entdecken: Wehrkirche, NATO-Basis & Geschichte im Herzen Siebenbürgens

Luftaufnahme von Cincu (Großschenk) mit Kirchenburg und Dorfzentrum im Sommer.

Wer durch Siebenbürgen reist, sucht meist nach Ruhe und Geschichte. In Großschenk (rumänisch: Cincu) findet man beides – und eine Überraschung. Hier, im Herzen Siebenbürgens, steht nicht nur eine der mächtigsten Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen, sondern auch einer der wichtigsten NATO-Stützpunkte der Ostflanke.

📌 Cincu (Großschenk) – Kurzprofil

  • 📍 Lage: Kreis Brașov, Siebenbürgen (Rumänien)
  • 🏰 Historischer Status: Einer der „Fünf Stühle“ des Königsbodens (Sitz: Großschenk)
  • ⛪ Hauptsehenswürdigkeit: Evangelische Kirchenburg (Wehrkirche) aus dem 13. Jh.
  • ⚔️ Militärische Bedeutung: Standort des NATO Joint National Training Center (JNTC) „Getica“
  • 🎭 Tradition: Urzelnlauf (Lole-Brauch) im Februar
  • 💡 Besonderheit: Einzigartiger Kontrast zwischen mittelalterlicher Architektur und moderner Geopolitik.

Großschenk / Cincu: Die geschichtliche Entwicklung und das einzigartige Erbe Siebenbürgens

Lass uns heute gemeinsam einen Blick hinter die Kulissen werfen – genauer gesagt, hinter die imposanten Mauern von Großschenk, oder Cincu, wie der Ort in Rumänien heißt. Ich möchte Dir zeigen, wie dieser Ort zu einem der faszinierenden Kulturdenkmäler in Siebenbürgen wurde.

Du wirst sehen: Das ist keine Touristensache, das ist etwas für Entdecker.

I. Geographische und Verwaltungsgeschichtliche Einordnung

Großschenk liegt nicht zufällig dort, wo es liegt. Die Lage im Zentrum Siebenbürgens ist strategisch und hat die Geschichte des Ortes maßgeblich geprägt.

  • Der Status als „Stuhl“ – eine frühe Autonomie: Cincu war einer der sogenannten „Stühle“ des Königsbodens. Der Name Cincu leitet sich vom von der Zahl „Fünf“ (cinci) ab? Das liegt daran, dass Großschenk historisch gesehen als fünfter der sächsischen Verwaltungsbezirke (Stühle) im Königsboden gezählt wurde. Als sächsisches Siedlungsgebiet genoss dieser Stuhl weitreichende Autonomierechte. Siebenbürgen war ein Gebiet, in dem die Bürger ihr eigenes Recht sprachen, ihre Verwaltung regelten und ihre Steuern selbst festlegen durften. Das war die Basis für ihren Wohlstand und ihre Unabhängigkeit.

  • Historisches Drehkreuz: Großschenk war lange Zeit ein lebendiger Zwischenstopp für Postkutschen und Händler. Die wichtige Verkehrsader machte es zu einem Knotenpunkt, wo Nachrichten und Waren aus Ost und West zusammenkamen. Wenn Du heute durch den Ort gehst, kannst Du dir die Hektik der Kuriere und das geschäftige Treiben der Kaufleute vielleicht noch vorstellen.

II. Die Architektonische Entwicklung der Kirchenburg

Die Kirchenburg ist das Highlight und der beste Geschichtslehrer vor Ort. Sie ist der Schlüssel, um Cincu zu verstehen.

  • Vom Kirchlein zur Kathedrale: Die Kirche begann im 13. Jahrhundert bescheiden als romanischer Bau. Mit dem zunehmenden Reichtum der sächsischen Gemeinschaft wuchs sie und wurde im beeindruckenden gotischen Stil erweitert. Du siehst sofort, hier wurde nicht gespart.

  • Die Urzelle: Schutz des Glaubens: Schon früh, ab dem Anfang des 13. Jahrhunderts, wurde dem Westturm der Kirche eine doppelte Rolle zugedacht: Er sollte den Glauben der Gemeinde im übertragenen wie im wörtlichen Sinne schützen. Er wurde von Anfang an als Wehrturm errichtet, mehrfach erhöht und verstärkt.

  • Der Bau der Festung (15. – 16. Jahrhundert): Als die Gefahr der Osmanen-Überfälle zunahm, wurde die Kirche zur mächtigen Festung ausgebaut. Die Entscheidung, die Kirche zur Festung auszubauen, war eine pragmatische Reaktion auf die Gefahr. Zwar gab es wohl schon etwas außerhalb eine einfache Fluchtburg, aber diese hatte sich in kritischen Momenten nicht bewährt. Der Fluchtweg war zu lang und zu gefährlich. Deshalb wurde der Entschluss gefasst, die Kirche, mitten im Dorfkern, zur mächtigen Festung auszubauen. Man zog dicke Ringmauern hoch, errichtete Wehrtürme und rüstete sie mit Schießscharten aus. Im Ernstfall bot die Kirchenburg Schutz vor Feinden und Hunger gleichermaßen.  Man zog dicke Ringmauern hoch und errichtete Basteien und Wehrtürme. Im Ernstfall bot sie Schutz vor Feinden.

    Wusstest du schon? Ursprünglich hatte die romanische Basilika sogar zwei Osttürme geplant oder im Ansatz, die aber späteren Umbauten weichen mussten. Heute dominiert der Westturm mit seinem charakteristischen Helm, den er im 18. Jahrhundert erhielt, als die äußeren Wehranlagen teilweise wieder abgetragen wurden.

  • Ein Stil-Mix der Extraklasse: Lass Dich nicht von den wehrhaften Mauern abschrecken. Im Inneren erwartet Dich eine architektonische Zeitreise: Das Kirchenschiff wirkt heute wie eine Hallenkirche (Umbau 1693). Du findest hier einen faszinierenden Mix: Spätgotisches Gestühl, eine Renaissance-Kanzel, barocke Taufbecken und eine klassizistische Orgel. Das ist kein Museum, das ist gewachsene Geschichte zum Anfassen.

III. Die Soziokulturellen Verschiebungen (20. Jahrhundert bis Heute)

Die jüngere Geschichte ist bewegend, aber auch melancholisch. Sie zeigt, wie sich die Identität dieses Ortes gewandelt hat.

  • Der große Abschied: Nach 1990 setzte die Auswanderung der meisten Siebenbürger Sachsen nach Deutschland ein. Das ist die stille, oft unerzählte Geschichte vieler Dörfer hier. Die jahrhundertelange Präsenz der Gründergemeinschaft ging zu Ende.

  • Ein lebendiges Kulturerbe: Die Wehrkirche steht heute als Symbol der Verwurzelung und wird durch internationale Initiativen und Stiftungen erhalten. Sie ist aber kein reines Museum! Cincu ist heute ein Ort, an dem die verschiedenen Kulturen – Rumänen, Roma, neu Hinzugezogene und die verbliebenen Sachsen – Seite an Seite leben.

    Deshalb solltest Du Cincu besuchen: Du erlebst hier nicht nur Geschichte, sondern den lebendigen Wandel eines Dorfes. Such das Gespräch mit den Einheimischen. Ihre Geschichten über das heutige Leben in Cincu sind genauso wertvoll wie die steinernen Zeugen der Vergangenheit.

IV. Das soziale Geheimrezept: Die Nachbarschaften

Wenn Du durch die Gassen von Cincu spazierst, siehst Du nicht einfach nur Häuser, die nebeneinander stehen. Du siehst das Ergebnis eines genialen sozialen Systems, das lange vor den sozialen Medien oder staatlichen Versicherungen erfunden wurde: die Nachbarschaften.

  • Mehr als nur „Hallo sagen“: In Großschenk war „Nachbarschaft“ keine lockere Bekanntschaft, sondern eine feste Pflicht und ein Privileg. Die Straßen waren in organisierte Abschnitte unterteilt, die wie eine große Familie funktionierten – aber mit strengen Regeln!

  • Einer für alle, alle für einen: Stell dir vor, Du willst ein Haus bauen, heiraten oder hast einen Trauerfall. Du musstest Dich um nichts alleine kümmern. Die Nachbarschaft packte an. Es war eine Solidargemeinschaft, die das Überleben sicherte. Wenn der Brunnen gereinigt werden musste oder einer in Not geriet, war die Hilfe garantiert.

  • Der „Nachbarvater“: An der Spitze stand der gewählte „Nachbarvater“. Er war Streitschlichter, Organisator und Respektsperson in einem. Er sorgte dafür, dass Ordnung herrschte und niemand zurückgelassen wurde.

    Der Spirit heute: Auch wenn die strengen Statuten heute Geschichte sind, spürst du diesen Geist des Zusammenhalts noch immer, wenn du mit den älteren Bewohnern sprichst. Es ist dieses unsichtbare Band, das Cincu zusammenhält.

V. Ein kurioser Kontrast: Cincu und das Militär (Gestern & Heute)

Wenn du in Cincu sitzt und Deinen Kaffee trinkst, kann es passieren, dass sich die idyllische Stille mit dem Brummen schwerer Motoren mischt. Wundere Dich nicht, wenn Du plötzlich Amerikaner, Franzosen oder Bundeswehrsoldaten beim Einkaufen triffst.

  • Wehrhaftigkeit 2.0: Cincu ist heute Standort des „Getica“ National Joint Training Center, eines der größten Truppenübungsplätze Rumäniens und wichtiger NATO-Standort.

  • Eine alte Tradition (Der Kaiser war schon hier): Dieser militärische Schwerpunkt ist kein Zufall der Neuzeit. Schon zur Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie wurde das Gelände um Großschenk (Polygon) als Truppenübungsplatz genutzt. Was heute der NATO dient, diente damals den K.u.K. Truppen. Die Geschichte beißt sich hier quasi in den Schwanz: Von der mittelalterlichen Wehrhaftigkeit der Kirchenburg über die Manöver der Monarchie bis zur High-Tech-Verteidigung der Gegenwart.

  • Der visuelle Gegensatz: Für Dich als Besucher bietet das surreale Szenen. Es ist einer der wenigen Orte, wo du einen modernen Panzer sehen kannst, der an einem Pferdefuhrwerk vorbeifährt, während im Hintergrund die jahrhundertealte Kirchenburg thront. Ein Fluch (Lärm) und Segen (Wirtschaft) zugleich für die Gemeinde.

Dein Besuch: Entschleunigen und Eintauchen in Cincu

Großschenk ist der ideale Ort, um dem hektischen Alltag zu entfliehen – nicht durch Langeweile, sondern durch echtes Entschleunigen. Hier ticken die Uhren noch anders, und das ist genau das, was diesen Flecken Erde so kostbar macht.

Aber Cincu ist mehr als nur Stille. Hier sind drei Gründe, warum sich ein längerer Aufenthalt lohnt:

  • Ein Paradies für Naturliebhaber (und Fotografen!): Cincu liegt mitten im Harbachtal (Hârtibaciu-Hochland), einer Region, die für ihre europaweit einzigartige Biodiversität bekannt ist. Vergiss englischen Rasen. Hier wanderst du durch eine der letzten intakten mittelalterlichen Kulturlandschaften Europas. Im Frühling und Sommer explodieren die Wiesen förmlich vor Wildblumen, Kräutern und seltenen Schmetterlingen. Pack unbedingt Deine Kamera oder das Makro-Objektiv ein!

  • Lebendige Traditionen – Die Urzeln: Wenn Du im Februar hier bist, erlebst Du ein Spektakel, das Gänsehaut macht: Den Brauch des Urzelnlaufens. Mit furchterregenden Masken, knallenden Peitschen und lauten Kuhglocken treiben die maskierten Gestalten den Winter (und böse Geister) aus. Dieser uralte Zunftbrauch ist im Harbachtal tief verwurzelt und ein fantastisches Beispiel dafür, wie sächsische Traditionen heute noch wild und laut gefeiert werden.

  • Das perfekte Basislager für Entdecker: Großschenk liegt strategisch genial, um die verborgenen Schätze der Umgebung zu erkunden:

    • Cincșor (Kleinschenk): Nur einen Katzensprung entfernt. Hier musst Du die wunderschön restaurierten Pfarrhäuser und die alte Schule besuchen – heute stilvolle Gästehäuser und ein Paradebeispiel für gelungene Revitalisierung.

    • Agnita (Agnetheln): Das historische Zentrum des Tals, wo der Urzel-Brauch seinen Höhepunkt findet.

    • Die Fagarascher Berge: An klaren Tagen hast du von den Hügeln um Cincu einen atemberaubenden Blick auf die schneebedeckten Gipfel der Karpaten.

Ob du nun wegen der Wehrgeschichte, der wilden Natur oder einfach für die Ruhe kommst – Cincu wird dich überraschen. Pack Deine Sachen und mach dich auf den Weg. Großschenk wartet darauf, von Dir persönlich entdeckt zu werden! Vielleicht begegnen wir uns ja!


Cincu (Großschenk) auf einen Blick

  • Besonderheit: Kontrast zwischen mittelalterlicher Wehrkirche und modernem NATO-Stützpunkt („Getica“).

  • Architektur: Wehrkirche mit einem Westturm (Glaubenswehr), Stilmix aus Gotik, Renaissance und Barock.

  • Soziales Erbe: Die „Nachbarschaften“ als historisches Solidaritätssystem.

  • Natur & Kultur: Einzigartige Biodiversität im Harbachtal & der Urzel-Brauch im Februar.


Gemeindechronik

  • 1329 Erste urkundliche Erwähnung des Schenker Stuhls.
  • 1339 Erstmalige Nennung Großschenks nach der Gründung des Ortes Kleinschenk (Cincșor) auf der Schenker Gemarkung.
  • 1486 Großschenk erhält das Recht, einen Jahrmarkt zu halten.
  • 1497 Königlich-ungarische Truppen verwüsten den Schenker Stuhl.
  • 1523 Der Ort wird niedergebrannt.
  • 1600 Fliehende Truppen Michaels des Tapferen verwüsten mit Mord und Brandschätzung den Schenker Stuhl.
  • 1660 Im Schenker Stuhl wütet die Pest.
  • 1720 Gründung der Schenker Stuhlslateinschule.
  • 1708 Während der Kurutzenunruhen werden Großschenk und die Kirchenburg geplündert.
  • 1773 Am 31. Mai hält sich Kaiser Joseph II. in Großschenk auf.
  • 1890 Eine Auswanderungswelle nach Amerika setzt ein.
  • 1899 Ein örtlicher Jugendbund wird gegründet.
  • 1914 Ein Waisenhaus für den Kirchenbezirk Großschenk wird gegründet.
  • 1916 Einfall der Rumänischen Armee. Diese erleidet in der „Großen Schlacht“ auf dem Schmielenfeld nördlich des Ortes, heute Poligon genannt, eine vernichtende Niederlage.
  • 1945 Am 13. Januar, der auch als „Schwarzer Tag“ bezeichnet wird, werden 103 Männer und Frauen der Siebenbürger Sachsen in sowjetische Arbeitslager verschleppt.
  • 1962 Unter der kommunistischen Herrschaft werden alle Bauern gezwungen, der Kollektivwirtschaft beizutreten.
  • 1990 Exodus der siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung durch Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland.

Ethnisches Miteinander

Bereits im 19. Jahrhundert lebte in Groß-Schenk eine starke rumänische Minderheit. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges waren die meisten Bewohner jedoch Deutsche. Seit der Volkszählung 1930 sind die Rumänen in der Mehrheit. Insbesondere nach der Revolution von 1989 wanderten die meisten Deutschen aus. Vor allem deshalb ist seit dem Zweiten Weltkrieg die Einwohnerzahl sowohl der Gesamtgemeinde als auch des Dorfes Cincu stark – d. h. um etwa ein Drittel – zurückgegangen.

In der Gesamtgemeinde Cincu bezeichneten sich im Jahr 2002 von damals 1836 Einwohnern 1399 als Rumänen, 280 als Roma, 78 als Deutsche, 71 als Ungarn, 5 als Russen bzw. Lipowaner, einer als Jude und einer als Italiener. Ein weiterer Bewohner gab eine andere, nicht näher bezeichnete Nationalität an. Im Dorf Cincu selbst lebten 2002 insgesamt 1494 Menschen, davon 1110 Rumänen, 255 Zigeuner, 58 Deutsche, 69 Ungarn, 1 Jude und 1 Angehöriger einer anderen Nationalität.

Häufige Fragen zu Cincu (Großschenk)

Warum ist Cincu ein wichtiger NATO-Standort?

Cincu beherbergt das Joint National Training Center (JNTC) „Getica“, einen der größten Truppenübungsplätze Rumäniens. Aufgrund der geostrategischen Lage an der NATO-Ostflanke finden hier regelmäßig multinationale Manöver statt. Der Übungsplatz existiert bereits seit der k.u.k. Monarchie.

Kann man die Kirchenburg in Cincu besichtigen?

Ja, die Kirchenburg ist für Besucher zugänglich. Da es keine festen „Museumsöffnungszeiten“ wie in großen Städten gibt, lohnt es sich oft, im Pfarrhaus nebenan zu klingeln oder sich vorab anzumelden. Dies ermöglicht oft auch den Zugang zu versteckten Winkeln der Wehranlage und ein persönliches Gespräch.

Was hat es mit den „Urzeln“ auf sich?

Der Urzelnlauf ist ein spektakulärer sächsischer Zunftbrauch zur Vertreibung des Winters, der im Harbachtal (besonders in Agnita und Cincu) tief verwurzelt ist. Das Fest findet traditionell im Februar statt und zeichnet sich durch zottelige Kostüme, Peitschenknallen und laute Umzüge aus.

Wie viel Zeit sollte man für Cincu einplanen?

Für die reine Besichtigung der Kirchenburg reichen 1–2 Stunden. Wer jedoch die Atmosphäre des Harbachtals fotografisch einfangen will oder sich für die Architektur der sächsischen Bauernhäuser interessiert, sollte einen halben bis ganzen Tag einplanen und Cincu als Basis für Ausflüge nach Cincșor oder Agnita nutzen.

Über Fred Fiedler

Fred ist Fernwehgetriebener mit einer tiefen Verbindung zu Siebenbürgen. Was als berufliche Neugier begann, wurde zur Leidenschaft: 2016 kaufte er ein altes sächsisches Haus in Cincu. Seitdem widmet er sich der Herausforderung, den einzigartigen Charakter des Gebäudes mit einer Mischung aus traditionellen Handwerkstechniken und modernen Mitteln zu bewahren und die Tradition vor Ort fortzusetzen. In seinen Berichten teilt er nicht nur historisches Wissen, sondern echte Insider-Erfahrungen aus dem Leben..