Vergessenes Siebenbürgen: Warum ein Besuch in Gürteln (Gherdeal) lohnt

Verfallene sächsische Häuserzeile im fast verlassenen Dorf Gherdeal (Gürteln) in Siebenbürgen mit bröckelnden Fassaden.

Stell Dir vor, jemand hätte vor dreißig Jahren die Pausetaste gedrückt und dann den Raum verlassen. Genau so fühlt sich die Ankunft in Gherdeal (deutsch: Gürteln) an. Wenn Du von der Hauptstraße abbiegst und Dich über den staubigen, unbefestigten Weg dem Dorf näherst, lässt Du die Hektik des 21. Jahrhunderts augenblicklich hinter Dir.

Zum ersten Mal war ich im September 2016 in Gürteln. Im Monat zuvor habe ich mir nebenan in Cincu (Großschenk) ein Haus gekauft und war einerseits dabei, die Umgebung kennen zu lernen, andererseits war ich auf der Suche nach historischen Baustoffen, um mein Haus zu renovieren. „Vergessenes Siebenbürgen: Warum ein Besuch in Gürteln (Gherdeal) lohnt“ weiterlesen

Winterknoblauch pflanzen im Oktober: Anleitung & Erfahrungen aus meinem Garten

Im Oktober, wenn der Nebel morgens im Tal hängt, beginnt für mich die wichtigste Zeit im Gartenjahr. Während andere die Beete winterfest machen, stecke ich die Hoffnung für das nächste Jahr in die Erde: Den Winterknoblauch.

Viele fragen mich: „Warum pflanzt du Knoblauch kurz vor dem Frost?“ Als Hobbygärtner in Rumänien habe ich gelernt, dass der Zeitpunkt über die Größe der Knolle entscheidet. Hier ist meine Anleitung, basierend auf den lehmigen Böden Siebenbürgens, aber anwendbar für jeden Biogarten.

Die biologische Logik: Warum Oktober?

Der Oktober ist nicht zufällig gewählt. Ich nutze hier einen biologischen Mechanismus, die sogenannte Vernalisation. Damit der Knoblauch (Allium sativum) im nächsten Jahr große Knollen bildet, benötigt er einen Kältereiz.

Pflanzt man ihn  Mitte bis Ende Oktober, passiert folgendes:

  1. Wurzelbildung: Der Boden hat noch Restwärme. Die Zehe bildet kräftige Wurzeln, aber noch kein Grün (das würde im Winter erfrieren).

  2. Winterruhe: Die Pflanze ruht unter dem Frost.

  3. Frühjahrs-Boost: Sobald der Boden auftaut, hat dieser Knoblauch einen enormen Vorsprung gegenüber im Frühjahr gesetzten Zehen. Er nutzt die Winterfeuchtigkeit optimal.

Auf einen Blick: Die Eckdaten für den Anbau

  • Pflanzzeitraum: 15. Oktober bis Anfang November (vor dem dauerhaften Bodenfrost).
  • Pflanztiefe: 5 bis 7 cm (tiefer als im Frühjahr!).
  • Pflanzabstand: 10-15 cm in der Reihe, 25 cm Reihenabstand.
  • Standort: Vollsonnig, keine Staunässe.

Anleitung: So gehe ich Schritt für Schritt vor

Das Pflanzen von Knoblauch ist präzises Handwerk. Wer hier schludert, erntet nur winzige Zehen. So mache ich es in meinem Garten:

1. Das Pflanzgut vorbereiten Ich nutze niemals Knoblauch aus dem Supermarkt (oft chemisch gegen Keimen behandelt oder falsche Klimazone). Ich nutze Pflanzgut aus der Region.
Wichtig: Ich breche die Knollen erst unmittelbar vor dem Pflanzen auf. Ich wähle nur die äußeren, großen Zehen. Die kleinen inneren Zehen kommen in die Küche – wer klein pflanzt, wird klein ernten. Die Schutzhaut der Zehe darf nicht verletzt werden.

2. Den Boden vorbereiten Knoblauch ist ein Mittelzehrer, mag aber keinen frischen Mist. Ich lockere den Boden tiefgründig mit der Grabgabel, damit keine Staunässe entsteht. Staunässe ist im Winter der Tod jeder Knoblauchzehe (Fäulnisgefahr).

3. Die richtige Technik beim Stecken Ich ziehe Saatrillen oder stecke einzelne Löcher. Die Zehe kommt mit dem Wurzelansatz nach unten in die Erde.

  • Der Fehler: Viele drücken die Zehe zu fest in den Boden. Das verdichtet die Erde direkt unter der Wurzel und hemmt das Wachstum. Ich lege sie sanft hinein und fülle locker mit Erde auf.

4. Frostschutz durch Mulchen Da wir hier in Cincu strenge Winter haben können, decke ich das Beet nach dem Pflanzen mit einer dünnen Schicht Laub oder Stroh ab. Das schützt vor Kahlfrösten und hält den Boden lebendig.

Geduld ist die wichtigste Zutat

Wenn die Zehen im Boden sind, ist die Arbeit getan. Der Winterknoblauch ist die dankbarste Kultur für uns Gärtner. Er wächst, wenn wir drinnen am warmen Ofen sitzen. Die Ernte erfolgt dann in der Regel im Juli, wenn das Laub zu zwei Dritteln gelb geworden ist.

Wer jetzt im Oktober den Spaten in die Hand nimmt, wird im Sommer mit Geschmack belohnt, den man nicht kaufen kann.

Siebenbürgisches Kartoffelbrot, Variante 1

Rezept:

1kg Mehl
1Trockenhefe
drei Kartoffeln zur Püree gemacht
500 ml lauwarmes Wasser
drei Löffel Öl
2 Teelöffel Salz
1 Teelöffel Zucker.

Zubereitung:

Kartoffeln schälen würfeln kochen und zur Püree verarbeiten.
Mehl sieben, in der Mitte eine Mulde machen, mit Hefe, Zucker und etwas lauwarmen Wasser einen Vorteig machen.
15 Minuten gehen lassen.
Nachdem der Vorteig aufgegangen ist Öl, Salz (nur am Rand), pürierte Kartoffeln und das restliche lauwarmes Wasser dazugeben.
Kräftig kneten
Nach dem kneten 50 Minuten gehen lassen, nochmals durchkneten dann nochmals 30 Minuten gehen lassen.
Im (vorgeheizten) Backofen bei 275 Grad, obere und untere Hitze für 20 Minuten backen, danach nochmals 30 Minuten aber jetzt auf 200 Grad Umluft.
Während des Backens ein kleinen Topf mit Wasser unter den Rost stellen.
Das fertige Brot aus dem Ofen nehmen.
10 Minuten kühlen lassen, dann die Kruste mit ein Holzlöffel abschlagen.

Januar 2017

Nahaufnahme von traditionellen, handgefertigten Urzelmasken (zottelige Fellkostüme und bemalte Gesichter) während des Umzugs in Cincu, Siebenbürgen.

Im Januar nutze ich meinen Resturlaub, um mal wieder in Großschenk vorbeizuschauen. Diesmal habe ich den Termin ganz bewusst gewählt. Nicht (nur) wegen des Baufortschritts, sondern wegen eines historischen Ereignisses: An diesem Wochenende findet seit über 25 Jahren zum ersten Mal wieder ein Urzelnlauf statt.

Diesmal nehme ich den Flieger von München nach Sibiu (Hermannstadt) und nehme mir von dort einen Mietwagen. Schon bei der Ankunft merke ich: Der Winter meint es dieses Jahr ernst.

Tradition lebt auf: Der Urzelnlauf

Zum Einen finde ich es toll, dass eine alte sächsische Tradition wieder aufersteht, und möchte deshalb unbedingt dabei sein. Zum Andern ist das die perfekte Gelegenheit, mich in die Gemeinschaft zu integrieren. Wann sonst sind so viele Leute auf der Straße? Es ist ein buntes Treiben, laut und fröhlich – ein starkes Zeichen für die Lebendigkeit von Cincu.

Januar 2017 - ein alter Brauch lebt wieder auf
Januar 2017 – ein alter Brauch lebt wieder auf

Info: Was sind die Urzeln?

Der Urzelnlauf (sächsisch: Urzelntag) ist ein alter Zunftbrauch der Siebenbürger Sachsen. Maskierte Gestalten (die Urzeln) ziehen mit Kuhglockengeläut, Peitschenknallen und Krapfen durch den Ort, um böse Geister zu vertreiben und den Fasching einzuläuten. Dass dies in Cincu nach einem Vierteljahrhundert Pause wieder stattfindet, ist eine kleine Sensation.

Minus 30 Grad: Der Härtetest für das Haus

Natürlich bin ich auch hier, um nach dem Rechten zu sehen. Der Winter war diesmal extrem kalt, wie schon lange nicht mehr. Wir sprechen von minus 30 Grad und teilweise noch darunter. Das ist nicht nur unangenehm für uns Menschen, das greift auch die Bausubstanz massiv an.

Winter 2017 Haus außen
Winter 2017 Haus außen

Das Problem zeigt sich vor allem – beziehungsweise eigentlich nur – in dem Bereich, der durch das undichte Dach durchfeuchtet war. Wo Wasser im Mauerwerk ist, da sprengt der Frost. Es ist ein trauriger, aber wichtiger Anblick, um zu verstehen, wo wir im Frühjahr ansetzen müssen.

Januar 2017 Tischlerwerkstatt
Januar 2017 Tischlerwerkstatt

Der Plan für das Frühjahr

Trotz der Kälte haben Wolfgang und ich das weitere Vorgehen besprochen. Der Fahrplan steht:

  • Haupthaus: Heuer im Mai werde ich die Risse im Mauerwerk angehen, die der Frost und die Zeit hinterlassen haben.
  • Ehemalige Tischlerei: Wolfgang und seine Truppe bringen dieses Nebengebäude weiter voran. Sobald der Winter vorbei ist, kommen der Ringanker und das neue Dach drauf.
  • Boden: Ebenfalls für Mai geplant sind die Bodenplatte und gegebenenfalls auch schon die Zwischenwände.

Es wartet viel Arbeit, aber jetzt wird erst einmal gefeiert – mit den Urzeln und den Nachbarn.

Januar 2017 in Cincu
Januar 2017 in Cincu

Großschenk (Cincu) entdecken: Wehrkirche, NATO-Basis & Geschichte im Herzen Siebenbürgens

Luftaufnahme von Cincu (Großschenk) mit Kirchenburg und Dorfzentrum im Sommer.

Wer durch Siebenbürgen reist, sucht meist nach Ruhe und Geschichte. In Großschenk (rumänisch: Cincu) findet man beides – und eine Überraschung. Hier, im Herzen Siebenbürgens, steht nicht nur eine der mächtigsten Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen, sondern auch einer der wichtigsten NATO-Stützpunkte der Ostflanke.

📌 Cincu (Großschenk) – Kurzprofil

  • 📍 Lage: Kreis Brașov, Siebenbürgen (Rumänien)
  • 🏰 Historischer Status: Einer der „Fünf Stühle“ des Königsbodens (Sitz: Großschenk)
  • ⛪ Hauptsehenswürdigkeit: Evangelische Kirchenburg (Wehrkirche) aus dem 13. Jh.
  • ⚔️ Militärische Bedeutung: Standort des NATO Joint National Training Center (JNTC) „Getica“
  • 🎭 Tradition: Urzelnlauf (Lole-Brauch) im Februar
  • 💡 Besonderheit: Einzigartiger Kontrast zwischen mittelalterlicher Architektur und moderner Geopolitik.

Großschenk / Cincu: Die geschichtliche Entwicklung und das einzigartige Erbe Siebenbürgens

Lass uns heute gemeinsam einen Blick hinter die Kulissen werfen – genauer gesagt, hinter die imposanten Mauern von Großschenk, oder Cincu, wie der Ort in Rumänien heißt. Ich möchte Dir zeigen, wie dieser Ort zu einem der faszinierenden Kulturdenkmäler in Siebenbürgen wurde.

Du wirst sehen: Das ist keine Touristensache, das ist etwas für Entdecker.

I. Geographische und Verwaltungsgeschichtliche Einordnung

Großschenk liegt nicht zufällig dort, wo es liegt. Die Lage im Zentrum Siebenbürgens ist strategisch und hat die Geschichte des Ortes maßgeblich geprägt.

  • Der Status als „Stuhl“ – eine frühe Autonomie: Cincu war einer der sogenannten „Stühle“ des Königsbodens. Der Name Cincu leitet sich vom von der Zahl „Fünf“ (cinci) ab? Das liegt daran, dass Großschenk historisch gesehen als fünfter der sächsischen Verwaltungsbezirke (Stühle) im Königsboden gezählt wurde. Als sächsisches Siedlungsgebiet genoss dieser Stuhl weitreichende Autonomierechte. Siebenbürgen war ein Gebiet, in dem die Bürger ihr eigenes Recht sprachen, ihre Verwaltung regelten und ihre Steuern selbst festlegen durften. Das war die Basis für ihren Wohlstand und ihre Unabhängigkeit.

  • Historisches Drehkreuz: Großschenk war lange Zeit ein lebendiger Zwischenstopp für Postkutschen und Händler. Die wichtige Verkehrsader machte es zu einem Knotenpunkt, wo Nachrichten und Waren aus Ost und West zusammenkamen. Wenn Du heute durch den Ort gehst, kannst Du dir die Hektik der Kuriere und das geschäftige Treiben der Kaufleute vielleicht noch vorstellen.

II. Die Architektonische Entwicklung der Kirchenburg

Die Kirchenburg ist das Highlight und der beste Geschichtslehrer vor Ort. Sie ist der Schlüssel, um Cincu zu verstehen.

  • Vom Kirchlein zur Kathedrale: Die Kirche begann im 13. Jahrhundert bescheiden als romanischer Bau. Mit dem zunehmenden Reichtum der sächsischen Gemeinschaft wuchs sie und wurde im beeindruckenden gotischen Stil erweitert. Du siehst sofort, hier wurde nicht gespart.

  • Die Urzelle: Schutz des Glaubens: Schon früh, ab dem Anfang des 13. Jahrhunderts, wurde dem Westturm der Kirche eine doppelte Rolle zugedacht: Er sollte den Glauben der Gemeinde im übertragenen wie im wörtlichen Sinne schützen. Er wurde von Anfang an als Wehrturm errichtet, mehrfach erhöht und verstärkt.

  • Der Bau der Festung (15. – 16. Jahrhundert): Als die Gefahr der Osmanen-Überfälle zunahm, wurde die Kirche zur mächtigen Festung ausgebaut. Die Entscheidung, die Kirche zur Festung auszubauen, war eine pragmatische Reaktion auf die Gefahr. Zwar gab es wohl schon etwas außerhalb eine einfache Fluchtburg, aber diese hatte sich in kritischen Momenten nicht bewährt. Der Fluchtweg war zu lang und zu gefährlich. Deshalb wurde der Entschluss gefasst, die Kirche, mitten im Dorfkern, zur mächtigen Festung auszubauen. Man zog dicke Ringmauern hoch, errichtete Wehrtürme und rüstete sie mit Schießscharten aus. Im Ernstfall bot die Kirchenburg Schutz vor Feinden und Hunger gleichermaßen.  Man zog dicke Ringmauern hoch und errichtete Basteien und Wehrtürme. Im Ernstfall bot sie Schutz vor Feinden.

    Wusstest du schon? Ursprünglich hatte die romanische Basilika sogar zwei Osttürme geplant oder im Ansatz, die aber späteren Umbauten weichen mussten. Heute dominiert der Westturm mit seinem charakteristischen Helm, den er im 18. Jahrhundert erhielt, als die äußeren Wehranlagen teilweise wieder abgetragen wurden.

  • Ein Stil-Mix der Extraklasse: Lass Dich nicht von den wehrhaften Mauern abschrecken. Im Inneren erwartet Dich eine architektonische Zeitreise: Das Kirchenschiff wirkt heute wie eine Hallenkirche (Umbau 1693). Du findest hier einen faszinierenden Mix: Spätgotisches Gestühl, eine Renaissance-Kanzel, barocke Taufbecken und eine klassizistische Orgel. Das ist kein Museum, das ist gewachsene Geschichte zum Anfassen.

III. Die Soziokulturellen Verschiebungen (20. Jahrhundert bis Heute)

Die jüngere Geschichte ist bewegend, aber auch melancholisch. Sie zeigt, wie sich die Identität dieses Ortes gewandelt hat.

  • Der große Abschied: Nach 1990 setzte die Auswanderung der meisten Siebenbürger Sachsen nach Deutschland ein. Das ist die stille, oft unerzählte Geschichte vieler Dörfer hier. Die jahrhundertelange Präsenz der Gründergemeinschaft ging zu Ende.

  • Ein lebendiges Kulturerbe: Die Wehrkirche steht heute als Symbol der Verwurzelung und wird durch internationale Initiativen und Stiftungen erhalten. Sie ist aber kein reines Museum! Cincu ist heute ein Ort, an dem die verschiedenen Kulturen – Rumänen, Roma, neu Hinzugezogene und die verbliebenen Sachsen – Seite an Seite leben.

    Deshalb solltest Du Cincu besuchen: Du erlebst hier nicht nur Geschichte, sondern den lebendigen Wandel eines Dorfes. Such das Gespräch mit den Einheimischen. Ihre Geschichten über das heutige Leben in Cincu sind genauso wertvoll wie die steinernen Zeugen der Vergangenheit.

IV. Das soziale Geheimrezept: Die Nachbarschaften

Wenn Du durch die Gassen von Cincu spazierst, siehst Du nicht einfach nur Häuser, die nebeneinander stehen. Du siehst das Ergebnis eines genialen sozialen Systems, das lange vor den sozialen Medien oder staatlichen Versicherungen erfunden wurde: die Nachbarschaften.

  • Mehr als nur „Hallo sagen“: In Großschenk war „Nachbarschaft“ keine lockere Bekanntschaft, sondern eine feste Pflicht und ein Privileg. Die Straßen waren in organisierte Abschnitte unterteilt, die wie eine große Familie funktionierten – aber mit strengen Regeln!

  • Einer für alle, alle für einen: Stell dir vor, Du willst ein Haus bauen, heiraten oder hast einen Trauerfall. Du musstest Dich um nichts alleine kümmern. Die Nachbarschaft packte an. Es war eine Solidargemeinschaft, die das Überleben sicherte. Wenn der Brunnen gereinigt werden musste oder einer in Not geriet, war die Hilfe garantiert.

  • Der „Nachbarvater“: An der Spitze stand der gewählte „Nachbarvater“. Er war Streitschlichter, Organisator und Respektsperson in einem. Er sorgte dafür, dass Ordnung herrschte und niemand zurückgelassen wurde.

    Der Spirit heute: Auch wenn die strengen Statuten heute Geschichte sind, spürst du diesen Geist des Zusammenhalts noch immer, wenn du mit den älteren Bewohnern sprichst. Es ist dieses unsichtbare Band, das Cincu zusammenhält.

V. Ein kurioser Kontrast: Cincu und das Militär (Gestern & Heute)

Wenn du in Cincu sitzt und Deinen Kaffee trinkst, kann es passieren, dass sich die idyllische Stille mit dem Brummen schwerer Motoren mischt. Wundere Dich nicht, wenn Du plötzlich Amerikaner, Franzosen oder Bundeswehrsoldaten beim Einkaufen triffst.

  • Wehrhaftigkeit 2.0: Cincu ist heute Standort des „Getica“ National Joint Training Center, eines der größten Truppenübungsplätze Rumäniens und wichtiger NATO-Standort.

  • Eine alte Tradition (Der Kaiser war schon hier): Dieser militärische Schwerpunkt ist kein Zufall der Neuzeit. Schon zur Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie wurde das Gelände um Großschenk (Polygon) als Truppenübungsplatz genutzt. Was heute der NATO dient, diente damals den K.u.K. Truppen. Die Geschichte beißt sich hier quasi in den Schwanz: Von der mittelalterlichen Wehrhaftigkeit der Kirchenburg über die Manöver der Monarchie bis zur High-Tech-Verteidigung der Gegenwart.

  • Der visuelle Gegensatz: Für Dich als Besucher bietet das surreale Szenen. Es ist einer der wenigen Orte, wo du einen modernen Panzer sehen kannst, der an einem Pferdefuhrwerk vorbeifährt, während im Hintergrund die jahrhundertealte Kirchenburg thront. Ein Fluch (Lärm) und Segen (Wirtschaft) zugleich für die Gemeinde.

Dein Besuch: Entschleunigen und Eintauchen in Cincu

Großschenk ist der ideale Ort, um dem hektischen Alltag zu entfliehen – nicht durch Langeweile, sondern durch echtes Entschleunigen. Hier ticken die Uhren noch anders, und das ist genau das, was diesen Flecken Erde so kostbar macht.

Aber Cincu ist mehr als nur Stille. Hier sind drei Gründe, warum sich ein längerer Aufenthalt lohnt:

  • Ein Paradies für Naturliebhaber (und Fotografen!): Cincu liegt mitten im Harbachtal (Hârtibaciu-Hochland), einer Region, die für ihre europaweit einzigartige Biodiversität bekannt ist. Vergiss englischen Rasen. Hier wanderst du durch eine der letzten intakten mittelalterlichen Kulturlandschaften Europas. Im Frühling und Sommer explodieren die Wiesen förmlich vor Wildblumen, Kräutern und seltenen Schmetterlingen. Pack unbedingt Deine Kamera oder das Makro-Objektiv ein!

  • Lebendige Traditionen – Die Urzeln: Wenn Du im Februar hier bist, erlebst Du ein Spektakel, das Gänsehaut macht: Den Brauch des Urzelnlaufens. Mit furchterregenden Masken, knallenden Peitschen und lauten Kuhglocken treiben die maskierten Gestalten den Winter (und böse Geister) aus. Dieser uralte Zunftbrauch ist im Harbachtal tief verwurzelt und ein fantastisches Beispiel dafür, wie sächsische Traditionen heute noch wild und laut gefeiert werden.

  • Das perfekte Basislager für Entdecker: Großschenk liegt strategisch genial, um die verborgenen Schätze der Umgebung zu erkunden:

    • Cincșor (Kleinschenk): Nur einen Katzensprung entfernt. Hier musst Du die wunderschön restaurierten Pfarrhäuser und die alte Schule besuchen – heute stilvolle Gästehäuser und ein Paradebeispiel für gelungene Revitalisierung.

    • Agnita (Agnetheln): Das historische Zentrum des Tals, wo der Urzel-Brauch seinen Höhepunkt findet.

    • Die Fagarascher Berge: An klaren Tagen hast du von den Hügeln um Cincu einen atemberaubenden Blick auf die schneebedeckten Gipfel der Karpaten.

Ob du nun wegen der Wehrgeschichte, der wilden Natur oder einfach für die Ruhe kommst – Cincu wird dich überraschen. Pack Deine Sachen und mach dich auf den Weg. Großschenk wartet darauf, von Dir persönlich entdeckt zu werden! Vielleicht begegnen wir uns ja!


Cincu (Großschenk) auf einen Blick

  • Besonderheit: Kontrast zwischen mittelalterlicher Wehrkirche und modernem NATO-Stützpunkt („Getica“).

  • Architektur: Wehrkirche mit einem Westturm (Glaubenswehr), Stilmix aus Gotik, Renaissance und Barock.

  • Soziales Erbe: Die „Nachbarschaften“ als historisches Solidaritätssystem.

  • Natur & Kultur: Einzigartige Biodiversität im Harbachtal & der Urzel-Brauch im Februar.


Gemeindechronik

  • 1329 Erste urkundliche Erwähnung des Schenker Stuhls.
  • 1339 Erstmalige Nennung Großschenks nach der Gründung des Ortes Kleinschenk (Cincșor) auf der Schenker Gemarkung.
  • 1486 Großschenk erhält das Recht, einen Jahrmarkt zu halten.
  • 1497 Königlich-ungarische Truppen verwüsten den Schenker Stuhl.
  • 1523 Der Ort wird niedergebrannt.
  • 1600 Fliehende Truppen Michaels des Tapferen verwüsten mit Mord und Brandschätzung den Schenker Stuhl.
  • 1660 Im Schenker Stuhl wütet die Pest.
  • 1720 Gründung der Schenker Stuhlslateinschule.
  • 1708 Während der Kurutzenunruhen werden Großschenk und die Kirchenburg geplündert.
  • 1773 Am 31. Mai hält sich Kaiser Joseph II. in Großschenk auf.
  • 1890 Eine Auswanderungswelle nach Amerika setzt ein.
  • 1899 Ein örtlicher Jugendbund wird gegründet.
  • 1914 Ein Waisenhaus für den Kirchenbezirk Großschenk wird gegründet.
  • 1916 Einfall der Rumänischen Armee. Diese erleidet in der „Großen Schlacht“ auf dem Schmielenfeld nördlich des Ortes, heute Poligon genannt, eine vernichtende Niederlage.
  • 1945 Am 13. Januar, der auch als „Schwarzer Tag“ bezeichnet wird, werden 103 Männer und Frauen der Siebenbürger Sachsen in sowjetische Arbeitslager verschleppt.
  • 1962 Unter der kommunistischen Herrschaft werden alle Bauern gezwungen, der Kollektivwirtschaft beizutreten.
  • 1990 Exodus der siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung durch Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland.

Ethnisches Miteinander

Bereits im 19. Jahrhundert lebte in Groß-Schenk eine starke rumänische Minderheit. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges waren die meisten Bewohner jedoch Deutsche. Seit der Volkszählung 1930 sind die Rumänen in der Mehrheit. Insbesondere nach der Revolution von 1989 wanderten die meisten Deutschen aus. Vor allem deshalb ist seit dem Zweiten Weltkrieg die Einwohnerzahl sowohl der Gesamtgemeinde als auch des Dorfes Cincu stark – d. h. um etwa ein Drittel – zurückgegangen.

In der Gesamtgemeinde Cincu bezeichneten sich im Jahr 2002 von damals 1836 Einwohnern 1399 als Rumänen, 280 als Roma, 78 als Deutsche, 71 als Ungarn, 5 als Russen bzw. Lipowaner, einer als Jude und einer als Italiener. Ein weiterer Bewohner gab eine andere, nicht näher bezeichnete Nationalität an. Im Dorf Cincu selbst lebten 2002 insgesamt 1494 Menschen, davon 1110 Rumänen, 255 Zigeuner, 58 Deutsche, 69 Ungarn, 1 Jude und 1 Angehöriger einer anderen Nationalität.

Häufige Fragen zu Cincu (Großschenk)

Warum ist Cincu ein wichtiger NATO-Standort?

Cincu beherbergt das Joint National Training Center (JNTC) „Getica“, einen der größten Truppenübungsplätze Rumäniens. Aufgrund der geostrategischen Lage an der NATO-Ostflanke finden hier regelmäßig multinationale Manöver statt. Der Übungsplatz existiert bereits seit der k.u.k. Monarchie.

Kann man die Kirchenburg in Cincu besichtigen?

Ja, die Kirchenburg ist für Besucher zugänglich. Da es keine festen „Museumsöffnungszeiten“ wie in großen Städten gibt, lohnt es sich oft, im Pfarrhaus nebenan zu klingeln oder sich vorab anzumelden. Dies ermöglicht oft auch den Zugang zu versteckten Winkeln der Wehranlage und ein persönliches Gespräch.

Was hat es mit den „Urzeln“ auf sich?

Der Urzelnlauf ist ein spektakulärer sächsischer Zunftbrauch zur Vertreibung des Winters, der im Harbachtal (besonders in Agnita und Cincu) tief verwurzelt ist. Das Fest findet traditionell im Februar statt und zeichnet sich durch zottelige Kostüme, Peitschenknallen und laute Umzüge aus.

Wie viel Zeit sollte man für Cincu einplanen?

Für die reine Besichtigung der Kirchenburg reichen 1–2 Stunden. Wer jedoch die Atmosphäre des Harbachtals fotografisch einfangen will oder sich für die Architektur der sächsischen Bauernhäuser interessiert, sollte einen halben bis ganzen Tag einplanen und Cincu als Basis für Ausflüge nach Cincșor oder Agnita nutzen.

Über Fred Fiedler

Fred ist Fernwehgetriebener mit einer tiefen Verbindung zu Siebenbürgen. Was als berufliche Neugier begann, wurde zur Leidenschaft: 2016 kaufte er ein altes sächsisches Haus in Cincu. Seitdem widmet er sich der Herausforderung, den einzigartigen Charakter des Gebäudes mit einer Mischung aus traditionellen Handwerkstechniken und modernen Mitteln zu bewahren und die Tradition vor Ort fortzusetzen. In seinen Berichten teilt er nicht nur historisches Wissen, sondern echte Insider-Erfahrungen aus dem Leben..